Allianz
Neuer Chef – alte Zweifel

Das Projekt ist rekordverdächtig: In den kommenden Tagen will der Versicherer Allianz 117 Mill. neue Aktien im Gesamtwert von 4,4 Mrd. Euro verkaufen. Damit bringen die Münchner die größte Kapitalerhöhung eines deutschen Unternehmens aller Zeiten auf den Weg.

FRANKFURT/M. Ab heute bis zum 29. April können die Allianz-Aktionäre sieben neue Aktien für 15 alte Anteile zum Stückpreis von 38 Euro beziehen.

Damit wird die Kapitalerhöhung mehr einbringen als erwartet. Das Interesse an der Aktie ist offenbar so groß, dass die Allianz den Preis deutlich über den mindestens angepeilten 30 Euro ansetzen konnte. Die positive Resonanz darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass der alte Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und sein Nachfolger Michael Diekmann eine Notoperation wagen. Wer nicht dringend Geld benötigt, um seine Bilanz zu reparieren, der geht in diesen Börsenzeiten nicht an den Markt.

Zu reparieren gibt es bei der Allianz einiges: 2002 rutschte der Konzern erstmals in der Nachkriegsgeschichte mit einem Minus von 1,2 Mrd. Euro in die roten Zahlen. Eines der Hauptprobleme sind die hohen Verluste der Tochter Dresdner Bank. Aber auch im angestammten Versicherungsgeschäft läuft längst nicht alles rund. Da sind die nach wie vor großen Schwierigkeiten bei der US-Tochter Fireman?s Fund, in der Industrieversicherung fallen weltweit ebenfalls Verluste an, und die französische Tochter AGF hat mit einem deutlichen Gewinneinbruch zu kämpfen. Zu diesen hausgemachten Problemen kommt der drastische Kursverfall an den Börsen, der die Reserven des Versicherers aufzehrt. Zu den Lichtblicken zählt dagegen das Geschäft mit Lebensversicherungen. Während viele Konkurrenten in der Krise stecken, gilt die Allianz in dieser Sparte als Fels in der Brandung und wächst kräftig.

Doch das reicht nicht. Das Ausmaß der Leidensgeschichte des Versicherers spiegelt sich im Börsenkurs deutlich wider. In den vergangenen zwölf Monaten verlor die Aktie 80 % an Wert. Bis vor einigen Monaten waren die Münchner noch Europas größter Versicherungskonzern, nach dem Kurssturz sind sie auf den vierten Rang abgerutscht.

Doch allmählich scheint sich das Blatt zu wenden. In der vergangenen Woche führte die Allianz gemeinsam mit der Münchner Rück die Liste der Gewinner im europäischen Stoxx-50-Index an. Eine ganze Reihe von Analysten vertreten inzwischen die Meinung, dass der Versicherer das Schlimmste hinter sich hat. Die Experten von Sal. Oppenheim, Commerzbank und J.P. Morgan halten die Aktie auf dem aktuellen Niveau von rund 58 Euro für unterbewertet. Den fairen Wert beziffern die Banken auf 80 bis 85 Euro.

Die These, dass die Allianz von den aktuellen Tiefständen aus noch Erholungspotenzial hat, ist sicherlich plausibel. Derzeit wird die Aktie an der Börse nur mit dem 1,6-fachen der Nettovermögenswerte (Net Asset Value) gehandelt, der Branchenschnitt liegt bei einem Faktor von 1,9. Die entscheidende Frage lautet aber, wie schnell kann der neue Chef Diekmann, der in zwei Wochen das Ruder übernimmt, den Versicherer operativ wieder zu altem Glanz führen. Tiefe strategische Schnitte hat Diekmann bislang noch nicht angekündigt. Auch bei der kränkelnden Dresdner Bank ist nach wie vor unklar, was mit den Verlustbringern Firmenkundengeschäft und Investmentbanking geschehen soll. Derzeit sieht es eher so aus, als wolle Diekmann zwar vieles besser, aber wenig völlig anders machen.

Trotz dieser Zweifel am Kurs der Allianz sehen auch die Investmentbanker von Goldman Sachs "bessere Perspektiven" für den Konzern. Diese Zuversicht ist allerdings wenig überraschend sondern eher pikant, schließlich gehört das Wall-Street-Haus zu den Konsortialführern der Kapitalerhöhung.

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