Allianz pro Schiene warnt vor Erhöhung der Ticketpreise
Mehdorn sieht in Teilverkauf der Bahn Ausweg aus Finanzmisere

afp HAMBURG/KÖLN. Angesichts neuer Milliarden-Defizite hat der Vorstandschef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, einen Teilverkauf des Staatsunternehmens an einen ausländischen Betreiber befürwortet. Dies würde die schnellere Sanierung sicher stellen, sagte Mehdorn der "Bild"-Zeitung vom Montag. Weltweit gebe es "ein Dutzend profitable Bahnunternehmen, zum Beispiel in den USA, Kanada oder Japan", die als mögiche Investoren in Frage kämen. Mehdorn verlangte zudem neue Milliardenhilfen des Staates für einen "zukunftssichernden Umbau" der Bahn. Während die Grünen der Subventionsforderung eine Abfuhr erteilten und neue Sparanstrengungen verlangten, sprach sich die Allianz pro Schiene aus 17 Fahrgast-, Umwelt- und Verkehrsverbänden gegen höhere Fahrpreise und Streckenstilllegungen aus. Die Bahn müsse wachsen, nicht schrumpfen.

Von der Logik her sei "ein Teilverkauf von zunächst 20 oder 25 Prozent absolut sinnvoll", argumentierte Mehdorn. "Das brächte notwendiges Geld in die Kasse, um vieles in Ordnung zu bringen." Die Entscheidung über einen möglichen Teilverkauf der Bahn müsse aber die Bundesregierung als Eigentümerin fällen. Mehdorn verlangte zugleich eine Verdoppelung der staatlichen Zuschüsse für die Bahn: "Um die Sünden der Vergangenheit auszubügeln, brauchen wir zu den jetzt zugesagten 8,7 Milliarden Mark im Jahr für Netzinfrastruktur noch einmal so viel. Entweder wir kriegen weitere Hilfe, oder wir müssen einige Jahre hohe Verluste ausweisen."

Der Haushaltsexperte von Bündnis90/Grüne, Matthias Berninger, sagte dagegen im Deutschlandfunk, "einfach Geld oben draufzuschaufeln" werde die Probleme der Bahn nicht lösen. Die Bahn müsse prüfen, wo noch Geld eingespart werden könne. Einen Einstieg von Investoren bezeichnete Berninger zumindest in Teilbereichen als sinnvoll. Diese Lösung sei in anderen Ländern bereits mit Erfolg praktiziert worden.

Mehr Verkehr auf die Schiene bringen

Die Allianz pro Schiene, der auch mehrere Gewerkschaften angehören, mahnte an, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen. Die Bahn brauche eine "klare Wachstumsstrategie", um die Finanzmisere zu überwinden, sagte der Geschäftsführer des Interessenverbundes, Holger Jansen, am Montag im Saarländischen Rundfunk. Dabei könne auch die Wegstreckengebühr für Lkw helfen. Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) ermunterte Mehdorn in einem Interview der "Saarbrücker Zeitung" zu weiteren Rationalisierungsschritten. Die Bahn erwirtschafte derzeit "nicht einmal ihre Lohn- und Gehaltskosten".

Mehdorn versicherte seinerseits, die Bahn werde trotz der neuen Milliardenlöcher nicht zum Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen ansetzen. "Betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben", sagte der Bahn-Chef. "Wir wollen bis 2005 von heute 230 000 auf rund 170 000 Mitarbeiter kommen." Allein 35 000 Beschäftigte fielen durch normale Fluktuation weg. Bei Lohn und Gehalt müsse es aber "Bewegung geben", forderte Mehdorn. Erstmals brachte er in diesem Zusammenhang auch eine mögliche Abkehr von bisherigen Tarifstrukturen ins Gespräch: "Regionalisierte Tarifverträge mit gestaffelten Lohnanpassungen dürfen kein Tabu sein - sonst werden wir nicht konkurrenzfähig gegen Pkw, Bus und Lkw."

Die "Financial Times Deutschland" schrieb, die Bahn wolle zahlreiche ihrer derzeit rund 100 Güterbahnhöfe schließen. Dies sei wesentlicher Bestandteil der Pläne des neuen Chefs der DB-Gütersparte Cargo, Bernd Malmström. Ende November wolle Mehdorn das detaillierte Güterverkehrskonzept präsentieren.

Am Wochenende waren neue Prognosen bekannt geworden, wonach die Deutsche Bahn AG bis 2004 jährliche Verluste zwischen 800  Millionen und 1,2 Milliarden Mark schreiben wird. Schlimmstenfalls seien Planabweichungen von bis zu 17 Milliarden Mark zu erwarten, hatte Verkehrsminister Klimmt bestätigt.

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