Alliierte marschieren zügig voran
Briten rechnen bald mit Bodenoffensive auf Bagdad

Die Amerikaner und Briten haben die irakische Führung mit ihrer Strategie überrascht, schnell nach Bagdad vorzurücken ohne die südlichen Provinzen zuvor vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Alliierten scheinen sich nicht in den Städten oder Wüstengebieten auf dem Weg in die irakische Haupstadt verzetteln zu wollen.

HB/rtr/dpa LONDON. Die Angaben darüber, wie erfolgreich dieser Vormarsch bislang ist, gingen allerdings am Sonntag weit auseinander. US-Berichte, wonach die Stadt Nasirija erobert sei, wies die irakische Führung beispielsweise zurück. Dass Meldungen über die Einnahme von Umm el Kasr etwas vorschnell waren, bewiesen am Sonntag Live-Bilder von Kämpfen in dem südirakischen Hafen.

Die von den USA angeführten Streitkräfte in Irak könnten nach Angaben aus britischen Verteidigungskreisen bis Dienstag die irakische Hauptstadt Bagdad erreichen. "Wir rechnen für Montagnacht oder Dienstag mit der Bodenoffensive auf Bagdad", verlautete am Sonntag aus den Militärkreisen. Der Vormarsch der Truppen werde nicht durch Kämpfe um die zweitgrößte Stadt des Landes, Basra, aufgehalten werden, hieß es weiter. "Wichtig ist nicht, Basra einzunehmen, sondern durchzumarschieren, um in den Norden zu kommen. Wir werden uns nicht in Kämpfe um die Innenstadt Basras verwickeln lassen", verlautete aus den Kreisen.

Möglicherweise werde es dort zu Straßenkämpfen kommen, vielleicht werde Saddam Hussein zur Verteidigung der Hauptstadt sogar chemische und biologische Waffen einsetzen, sagte der britische Verteidungsminister Geoff Hoon am Sonntag dem britischen Rundfunksender BBC. Auf die Frage, ob in Bagdad mit Straßenkämpfen zu rechnen sei, sagte Hoon: "Das könnte sein." Großbritannien und die USA verfügten über Truppeneinheiten, die speziell dafür ausgebildet seien. Zunächst müssten die Alliierten aber herausfinden, mit welchen Mitteln die irakischen Streitkräfte Widerstand leisteten. "Wir wissen nicht, was für Fallen sie uns stellen werden, wenn wir uns Bagdad nähern", sagte Hoon. "Saddam Hussein könnte dann beschließen, chemische und biologische Waffen einzusetzen."

US-Befehlshaber Tommy Franks änderte seine Pläne

Kaum ein amerikanischer Experte hatte erwartet, dass die US- Truppen so früh und so weit in den Irak vordringen würden. Fast alle hatten zunächst mit intensiven Luftangriffen gerechnet, um die irakischen Verteidigungslinien zu schwächen. Doch US-Befehlshaber Tommy Franks änderte seine Pläne, und konnte damit einige aus seiner Sicht beeindruckende Erfolge verbuchen. So waren Vorausverbände der 3. Infanteriedivision nach amerikanischen Angaben am Sonntag bis auf 250 Kilometer auf Bagdad vorgerückt.

Parallel dazu setzen die USA auf psychologische Kriegsführung. So erhielten Hunderte irakischer Kommandanten und Führungsmitglieder Anrufe auf ihrem Handy und wurden von in den USA lebenden Verwandten oder arabisch sprechenden US-Militärs zur Aufgabe aufgefordert. Dies sei ihre einzige Chance in einem Irak in der Zeit nach Saddam Hussein. Gleichzeitig strahlen zu fliegenden Radiostationen umgebaute Hercules-Maschinen die Botschaft an die irakischen Soldaten aus, es lohne sich nicht, für ein korruptes Regime zu sterben.

Iraker setzen auf Bilder von getöteten Zvilisten

Auf Propaganda setzten auch die Iraker. So scheint die Führung eine Strategie anzuwenden, die unter Irak-Kennern bereits vor Kriegsbeginn als wahrscheinlichstes Szenario galt: Mit grausamen, aufwühlenden Bildern von getöteten Zivilisten will Bagdad die Menschen in den USA, Großbritannien und der arabischen Welt dazu bringen, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, um den Krieg vor einer möglichen Eroberung Bagdads zu stoppen. "Jeder arabische Bürger und jeder Muslim sollte eine auf die Brust des Aggressors gerichtete Kugel sein", fordert der irakische Vizepräsident Taha Jassin Ramadan.

Daneben hofft das Regime, den alliierten Truppen bei ihrem Vorrücken Verluste zufügen und Gefangene machen zu können. Das soll dann nach den Vorstellungen der irakischen Führung ebenfalls zu einem Stimmungsumschwung in Washington und London führen. Denn Saddam Hussein hat in der Vergangenheit mehrfach erklärt, einer der größten Schwachpunkte westlicher Armeen sei es, dass die Regierungen nicht bereit seien, große Verluste unter den eigenen Soldaten hinzunehmen.

Die Iraker wissen auch, dass sie den Krieg gegen die militärisch so weit überlegene Supermacht USA und ihren Verbündeten Großbritannien nicht auf konventionelle Art und Weise gewinnen kann. Zur Wehr setzt sich das Regime von Saddam Hussein deshalb, indem es versucht, einige wenige strategische Punkte zu verteidigen, darunter den Hafen von Umm el Kasr.

Vizepräsident Ramadan sagte derweil am Sonntag vor Journalisten in Bagdad, der bisherige Kriegsverlauf zeige, dass sein Land wirklich keine Massenvernichtungswaffen mehr besitze. Gäbe es sie, dann hätte die irakische Armee sie angesichts der von den "amerikanischen Söldnern" benutzten Waffen nun eingesetzt.

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