Als erster Ausländer Chef von British Telecom
Ben Verwaayen: „Mr. Who?“ tritt schweres Erbe an

Telekom-Zauberer aus Holland oder nur ein Bluffer in Nadelstreifen? Die neue Nummer eins von BT wird in Londons City mit großer Skepsis empfangen.

HB LONDON. Der neue Chef kommt auf leisen Sohlen. Zumindest blieb Anfang dieser Woche der übliche PR-Rummel aus, als Ben Verwaayen in London das erste Mal in seiner neuen Funktion die Zentrale von British Telecom betrat. Sicher: Offiziell übernimmt der Niederländer erst am 1. Februar von Sir Peter Bonfield den Posten des Chief Executive Officer bei British Telecom (BT). Doch vor sechs Jahren war noch alles anders. Immer wieder musste Bonfield für die Fotografen durch die offene Tür des Chefzimmers schreiten und auf dem BT-Thron Platz nehmen.

Die Zeiten haben sich eben geändert. Verwaayen tritt ein mehr als schweres Erbe an. Und die Briten empfangen den Niederländer mit dem smarten Fielmann-Outfit nicht gerade begeistert. Schließlich führt nun erstmals ein Ausländer den britischen Traditionskonzern. Dabei ist dies auf der Insel längst die Regel: British Airways, Marks & Spencer, Reuters, Barclays sind dafür prominente Beispiele. "Ja, ich bin Holländer", sagt der 49-Jährige inzwischen fast trotzig und seine Augen blitzen herausfordernd.

Aber auch die Londoner City sträubt sich gegen Verwaayen, der bei den Analysten so gut wie unbekannt ist und den sie "Ben Who?" getauft haben. Und Sir Peter hinterlässt ihm in schweren Branchenzeiten einen zerschlagenen Konzern mit umgerechnet rund 25,5 Milliarden Euro Schulden, frustrierten Managern und ohne Strategie. "Kann der neue Chef die Mammutaufgabe lösen?" fragt ein Analyst zweifelnd.

Dabei wurde Verwaayen einst als aufstrebender Jungmanager gefeiert. Der 23-jährige Jurist und Politikwissenschaftler aus Utrecht steigt Mitte der siebziger Jahre in die Telekombranche ein. Mit 35 ist er Chef des Telekomgeschäfts beim Staatskonzern KPN, mit 44 Chairman des Joint Ventures Unisource von KPN, Swisscom, Telia (Schweden) und AT & T und mit 46 Vize-Chairman der US-Firma Lucent Technologies.

Doch sein Image des erfolgreichen Schnellaufsteigers hat Kratzer bekommen. Nicht nur Unisource wurde zum Misserfolg. Als Verwaayen KPN 1997 verließ, war der niederländische Telekomkonzern in bester Verfassung, Gleiches galt für seinen neuen US-Arbeitgeber Lucent. Heute stecken beide Konzerne in der Krise. "Ich würde sagen, Lucent wird einen Verlierer los und BT übernimmt einen Bluffer in Nadelstreifen", wird ein Lucent-Vorstand in der britischen Presse zitiert.

Dieses Negativ-Bild muss Verwaayen bei den BT-Aktionären erst einmal korrigieren. Sie kritisieren bereits sein Jahresgehalt von 700 000 Pfund (rund 1,1 Millionen Euro). Sie dürfte erst recht stören, dass er in den nächsten drei Jahren mit Boni das Zehnfache dieser Summe einstreichen wird.

Der verheiratete Vater zweier Kinder, der zu den 250 Reichsten in den Niederlanden gehört, ahnt den heißen Ritt an der BT-Spitze. "Ich mag Diskussionen und Auseinandersetzungen und auch mal einen konstruktiven Streit", baut er sanft lächelnd vor. Die gläserne BT-Zentrale wird für ihn in den kommenden Wochen in jedem Fall zum Aquarium - stets unter Beobachtung. Und zugehen wird es darin wie im Haifischbecken.

Denn Verwaayen hat viele Probleme zu lösen. Einmal muss er schleunigst einen Finanzchef finden, da Philip Hampton, der gern BT-Chef geworden wäre, gekündigt hat. Gleichzeitig muss er den Investoren eine Strategie für die BT Group nach der Abspaltung der Handysparte (mmO2) präsentieren. Was passiert mit den verbliebenen Auslandsbeteiligungen? Will er das Festnetz verkaufen? Außerdem muss er sich gegen BT-Chairman Christopher Bland behaupten, der sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen möchte.

Immerhin attestieren Ex-Kollegen, dass Verwaayen kein Ja-Sager sei. Er hat Lucent nach der gescheiterten Fusion mit Alcatel durch eine harte Restrukturierung getrieben, der fast die Hälfte der 120 000 Stellen zum Opfer fiel. Doch in London glänzt Verwaayen bisher nur mit Manager-Kauderwelsch. Er wolle "versteckte Werte finden, die Organisation öffnen und die Struktur ändern", versprach er den Investoren. Die Antwort war deutlich: Der BT-Kurs sackte erst mal ab.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%