Als Kriegsverbrecher vor dem UN-Tribunal angeklagt
Slobodan Milosevic: Der gewissenlose Pragmatiker

Der am Donnerstag an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellte jugoslawische Ex-Präsident Slobodan Milosevic hatte bis zu seinem Sturz im vergangenen Oktober das Land mit harter Hand regiert. Der heute 59-Jährige erwarb sich dabei den Ruf eines gewissenlosen Pragmatikers, der stets die Mittel des Krieges und des Nationalismus für seinen Machterhalt auszunutzen wusste.

Reuters BELGRAD. Sein Name ist untrennbar verbunden mit den Balkan-Kriegen in den 90er Jahren in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo sowie dem Zerfall des alten Jugoslawiens. Hunderttausende Menschen kamen um oder wurden aus ihrer Heimat vertrieben. "Ich habe alles zum Wohl der Nation und des Staates getan", wurde er am Samstag von einem seiner Anwälte zitiert. "Ich hoffe, die Geschichte wird das abschließende Urteil fällen."

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hatte Milosevic im Mai 1999 wegen des Vorwurfs der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kosovo-Krieg angeklagt. Bis zu seinem Sturz im Herbst konnten er und seine Helfer vor dem Tribunal sicher sein. Mit dem demokratischen Wandel geriet Milosevic jedoch immer weiter in die Enge. Seine Sozialisten, deren Parteichef er immer noch ist, verloren im Dezember die Wahlen im Bundesland Serbien und wurden aus zahlreichen Führungspositionen verdrängt. Die USA und die Europäische Union (EU) setzten die neue Regierung in Belgrad unter Druck, in dem sie die Zahlung von Hilfsgeldern an eine Kooperation des Landes mit dem UNO-Tribunal knüpften.

In Serbien hatte Milosevics Aufstieg begonnen. 1986 wurde er Chef der Serbischen Kommunistischen Partei. Für die folgenden 13 Jahre war er unbestritten der starke Mann des Landes. 1990 wurde er zum Präsidenten des Bundeslandes Serbiens gewählt, zwei Jahre später wurde er im Amt bestätigt, ehe er 1997 Präsident Jugoslawiens wurde. Milosevic setzte in den Konflikten mit den nach Unabhängigkeit strebenden Republiken Bosnien und Kroatien zwar auf die nationale Karte, doch die schmutzige Arbeit überließ er Leuten wie dem bosnischen Serbenführer Radovan Karazic und dem bosnisch-serbischen General Ratko Mladic. Milosevic ließ die beiden fallen, als eine enge Verbindung zu ihnen unvorteilhaft wurde.

Im Westen war Milosevic keineswegs immer die Persona non Grata wie in den vergangenen Jahren. Als es 1995 galt, den Bosnien-Krieg zu beenden, führte an den Machthaber in Belgrad kein Weg vorbei. Im Beisein des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton und weiteren führenden westlichen Politikern war er es, der mit seiner Unterschrift unter das Dayton-Abkommen das Ende des Krieges besiegelte. Doch spätestens mit dem Kosovo-Konflikt geriet Milosevic von einigen Ausnahmen wie Russland und China abgesehen weltpolitisch in die Isolation.

Milosevic hatte sich früh in Jugoslawien einen Namen als vorgeblicher Schutzpatron der serbischen Minderheit in der südserbischen Provinz Kosovo gemacht. 1989 entzog Milosevic dem Kosovo die Autonomie. Sein Druck auf die Albaner erwiderte die Nato 1999 mit Bombenangriffen auf Serbien. Milosevic musste der Stationierung der von der Allianz geführten KFOR-Friedenstruppen und der Vereinten Nationen (UN) im Kosovo zustimmen.

Unter dem Druck der internationalen Sanktionen verschärfte sich danach der wirtschaftliche Niedergang Jugoslawiens, wo sich schließlich auch die demokratische Opposition nicht mehr spalten ließ. Im September wurde schließlich Vojislav Kostunica zum neuen Präsidenten gewählt. Dessen Sieg erkannte Milosevic allerdings erst an, nachdem das Volk das Bundesparlament gestürmt hatte. Im April wurde Milosevic wegen des Vorwurfs des Machtmissbrauchs und der Korruption festgenommen. Bis zuletzt wehrte er sich gegen seine Auslieferung an das UN-Tribunal.

Milosevic wurde 1941 in Pozarevac südöstlich von Belgrad als Sohn eines Theologie-Lehrers geboren. Seine Eltern begingen beide Selbstmord. Er ist mit der Sozialisten Mirjana verheiratet und hat zwei Kinder.

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