Als Schlichter findet der 74-Jährige einen Kompromiss und genießt das Rampenlicht
Hans-Dietrich Genscher: Der "fliegende Außenminister" rettet die Lufthansa

Als "fliegender Außenminister" war Hans-Dietrich Genscher jahrelang in der Welt unterwegs - jetzt hat ausgerechnet er die Lufthansa gerettet. Mit seinem Verhandlungsgeschick brachte er Piloten und Konzernführung zu einem Kompromiss, ohne den der Betriebsfrieden wohl endgültig dahin und neue Streiks an der Tagesordnung gewesen wären.

afp BERLIN. Dabei kam dem Schlichter vor allem eins zu Gute: Wohl kaum ein Mensch war in seinem Leben so oft in der Luft unterwegs wie der 74-Jährige. Flugzeug-Gangways gehörten untrennbar zum Bild von Genscher in der Öffentlichkeit wie sein berühmter gelber Pullunder - den er natürlich auch am Freitag bei der stolzen Verkündung der Einigung trug.

Genscher wurde am 21. März 1927 in Halle an der Saale geboren. Während seines Studiums siedelte er aus der DDR in den Westen über - die deutsche Teilung war ihm immer ein Gräuel und die Ostpolitik sein Markenzeichen. Von 1969 bis 1974 als FDP-Innenminister und vor allem in den folgenden 18 Jahren als Außenminister war er im Dienste der Aussöhnung zwischen Ost und West unterwegs. Mit seiner Politik des "Genscherismus" leitete er 1987 in Davos die Unterstützung des damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow ein. Vor allem für sein kompromissloses Glauben an "Mister Perestroika" wurde Genscher von den Alliierten oft gescholten. Doch hier zeigte sich, dass der Chefdiplomat nicht nur ein gewiefter Taktiker, guter Zuhörer und überzeugender Gesprächspartner ist - sondern auch ein Schlitzohr und Dickkopf.

All diese Eigenschaften brachte "Genschman" nun bei der Schlichtung des Lufthansa-Streits ein. Zwar lobte er am Freitag immer wieder seine Verhandlungspartner von der Lufthansa und der Pilotenvereinigung Cockpit. Doch er ließ auch klar durchblicken, dass zumindest seiner Meinung nach ohne ihn nichts gelaufen wäre. Auch Cockpit zollte dem Ex-Außenminister Respekt, obwohl die Piloten anfangs einer Schlichtung skeptisch gegenüberstanden. Sie fürchteten, dass kein Außenstehender die Besonderheiten ihres Berufes und damit die Höhe ihrer Forderungen verstehen würde.

Flugfrequenz brachte Genscher Kultstatus

In Genscher aber war ein solcher neutraler Experte gefunden. Zwar war er als Außenminister meist in Bundeswehrmaschinen unterwegs. Aber auch dort waren es letztlich ausgebildete Piloten, die ihn in die entlegensten Winkel der Welt brachten. Seine Flugfrequenz brachte dem Außenminister Kultstatus. Immer wieder gern wurde über zwei sich begegnende Flugzeuge gewitzelt, die eine Besonderheit hatten: "In beiden saß Genscher."

In letzter Zeit war Genscher nicht mehr so viel unterwegs. Genau genommen war es sehr ruhig um den Tausendsassa geworden. Da kam die Lufthansa-Schlichtung gerade richtig, um mal wieder richtig ins Rampenlicht zu treten. Und auch in Zukunft könnte es solche Gelegenheiten geben. In seinem Kompromissvorschlag installierte der Ex-Außenminister für künftige Streitigkeiten einen Schlichter, dessen Spruch nicht wie diesmal nur ein Vorschlag ist, sondern gleich Gesetz. Der Name des künftigen Schlichters wurde auch gleich präsentiert: Genscher.

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