Alte Freundschaft bindet den Clan an das saudische Königshaus – Einige internationale Firmen sind bereits auf Distanz gegangen
Bin Ladens Familie fürchtet um ihre Geschäfte

Von allen arabischen Staaten hat Saudi-Arabien das größte Interesse an einem Erfolg der US-Militäraktionen gegen Osama bin Laden. Das Königshaus fürchtet den Hass seines früheren Staatsbürgers.

NICOSIA. Das saudische Königshaus weiß, dass der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge in den USA die saudischen Herrscher noch viel mehr hasst als die Amerikaner. Denn 1994 hatte Saudi-Arabien Osama bin Laden ausgebürgert, nachdem er immer lauter zum Sturz der Monarchie aufgerufen hatte.

Doch mit der Familie Osamas pflegt das Königshaus weiterhin engste Beziehungen. Der große Clan der bin Ladens nimmt in einem der reichsten Staaten der Welt nach den Worten eines westlichen Diplomaten eine Stellung ein "wie die Roosevelts in den USA". Die engen Bande zwischen den Sauds und den bin Ladens gehen auf die Gründer der beiden Dynastien zurück: Abdul Aziz ibn Saud und Osamas Vater Mohammed Bin-Awad bin Laden. Der analphabetische Bauarbeiter aus dem südjemenitischen Hadramaut war 1925 in der heute zu Saudi-Arabien gehörenden Hejaz-Region auf der Suche nach einem besseren Leben gelandet. Nach den Erzählungen der Familie bin Laden wurde Abdul Aziz bei den Reparaturarbeiten eines seiner Paläste im Hejaz auf den jungen Jemeniten aufmerksam, der sich durch besonderes Geschick auszeichnete. So begann der Kontakt zwischen dem Kriegsherren und späteren ersten König Saudi-Arabiens und dem bitterarmen Bauarbeiter.

Unter dem Schutz des Königs konnte Mohammed eine eigene Baufirma gründen und seine Beziehungen zu Abdul Aziz konsolidieren. Ein ehemaliger Pilot, der Mohammed bin Laden in den 50er und 60er Jahren in zahlreiche Länder des Mittleren Ostens und nach Europa flog, erinnert sich an den Familienpatriarchen als einen äußerst klugen Geschäftsmann, der seine Unfähigkeit im Lesen und Schreiben durch ein außergewöhnliches Gedächtnis und ein ausgeprägtes Ingenieurstalent ausglich. Sein Erfolg kam auch mit Hilfe des Vertrauens, das die Königsfamilie in die Baufirma setzte. So trug die Bin-Laden-Gruppe entscheidend zum Aufbau der Infrastruktur Saudi-Arabiens bei, errichtete Moscheen, baute Straßen und Dämme, ganze Stadtteile und Militärstützpunkte, darunter auch jene für amerikanische Truppen, deren Präsenz Osamas blindwütigen Hass auf das Herrscherhaus auslöste.

Die besondere Stellung im Königreich und gegenüber den Al Sauds errang die Gruppe, als der Monarch das Unternehmen mit großen Bau- und Renovierungsarbeiten in Mekka und Medina, den heiligsten Stätten des Islams, betraute. Dank königlicher Förderung stieg die Bin-Laden-Gruppe seit den 50er Jahren zum größten Bauunternehmen des Landes auf und konnte immensen Reichtum erwerben. Heute hat sie weltweit 35 000 Angestellte und ein Firmenvermögen von 5 Mrd. Dollar.

Nach dem Tod Mohammeds durch einen Flugzeugabsturz 1968 baute Osamas Halbbruder Salem das Unternehmen weiter aus. Seit vielen Jahren zählen nach den Worten eines westlichen Diplomaten die Bin-Laden-Familie und die von ihnen geführten Unternehmen zu den wichtigsten Säulen der saudischen Monarchie. Zahlreiche saudische Prinzen begannen ihre berufliche Karriere bei einer der Bin-Laden Firmen. Und prominente Familienmitglieder stehen dem Königshaus beratend zur Seite. Jüngst beauftragte der Monarch Gruppenchef Salem bin Laden, persönlich einen 92-Millionen-Dollar Auftrag zur Ausstattung einer Boeing 747 für die Königsfamilie in Texas zu überwachen.

Wiewohl sich die Bin-Laden-Familie schon lange entschieden von dem "schwarzen Schaf" Osama distanziert, deuten nach dem 11. September manche Anzeichen darauf, dass der Terror-Boss ihnen doch so manche Geschäfte vermasseln dürfte. Einige internationale Firmen gingen inzwischen auf Distanz zu ihrem bisherigen saudischen Partner. Doch das Hauptgeschäft der Gruppe bleibt auf das Königreich konzentriert.

Ein Vertrauensverlust innerhalb Saudi-Arabiens könnte sich ökonomisch katastrophal auswirken. Manche Beobachter glaubten jüngst erste Zeichen dafür zu erkennen, dass sich das Königshaus von den bin Ladens distanzieren wolle. Der Chefredakteur der Tageszeitung "Riyadh Daily", Turki al-Sudairy, der gewöhnlich die Ansicht der Regierung wiedergibt, kritisierte die "übertrieben hohen" Kosten für die Ausbauarbeiten in Mekka und Medina. Nach Schätzungen hatte die Bin-Laden-Gruppe für dieses Projekt zehn Mrd. Dollar bezogen. Solch öffentliche Kritik ist äußerst selten im Königreich und könnte tatsächlich eine Abkühlung der Beziehungen einleiten.

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