Alte Regel "Zinsen runter = Aktien rauf" gilt derzeit nicht
Kurstrend hängt vom Erfolg der Zinspolitik ab

Die Börsen profitierten zuletzt von der Hoffnung, dass fallende Notenbankzinsen Wirkung zeigen und die Konjunktur bald beflügeln. Doch seit zwei Jahren folgen die Börsen der Zinspolitik nicht mehr. Dennoch sind Commerzbank und Salomon Smith Barney optimistisch, Dresdner Kleinwort Wasserstein und JP Morgan bleiben skeptisch.

HB DÜSSELDORF. Erinnert sich noch jemand? Am 3. Januar senkte US-Notenbankchef Alan Greenspan überraschend die Leitzinsen. Die Börsen reagierten mit einem Kursfeuerwerk: Die Hightech-Börse Nasdaq erlebte den größten Tagesgewinn ihrer Geschichte.

Doch zwei Wochen später war der Effekt wieder verpufft. Seitdem hat die Notenbank die Zinsen so drastisch gesenkt wie seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr: um 4,5 Prozentpunkte auf 2 %, den niedrigsten Stand seit 1961. Doch die Aktienmärkte reagierten darauf kaum noch. Die alte Börsenregel "Zinsen runter – Aktien rauf" funktioniert seit zwei Jahren nicht mehr. Das gilt genauso für die Euro-Zone, wo die Zentralbank auch auf Zinssenkungskurs eingeschwenkt ist.

"Anfang des Jahres haben die Investoren positiv reagiert in dem Glauben, dass Zinssenkungen die lahmende Konjunktur bald wieder flott machen", sagt James Montier, bei der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein zuständig für weltweite Anlagestrategie. Mittlerweile hätten die Anleger jedoch gemerkt, dass selbst Niedrigstzinsen wie derzeit in den USA die Wirtschaft nicht im Handumdrehen aus der Rezession reißen.

Gefahr eines Strohfeuers

"Es dauert diesmal länger, bis die Geldpolitik wirkt, und darum wird es auch länger brauchen, bis die Börsen nachhaltig steigen", sagt Montier. Umstritten ist unter Bankexperten, wie schnell Zinssenkungen diesmal die lahmende Weltkonjunktur beleben. Davon wird abhängen, ob der jüngste Kursanstieg an den Börsen anhält – oder wieder als Strohfeuer endet, wie bereits die Zwischenrallys im Januar und im April/Mai dieses Jahres.

Der Chefstratege der US-Investmentbank JP Morgan, Abhijit Chakrabortti, nimmt wie Dresdner-Experte Montier eine vorsichtige Haltung ein. Er vermutet, dass die alte Verbindung zwischen Zinsen und Aktien zwar weiterhin besteht, aber noch eine Weile gestört bleibt. "Die Spekulationsblase bei Technologie- und Telekomtiteln und ihr Platzen haben den Einfluss der Zinspolitik überlagert", sagt Chakrabortti.

So zeigt der Zinstrend in den USA seit längerem und inzwischen auch in Euro-Land klar nach unten. Fallende Zinsen bedeuten eine massive Stütze für die Aktienkurse. Dennoch notieren die meisten Börsen unter ihrem Jahreseinstand.

Investoren fassen wieder Vertrauen in Zentralbanken

Die jüngsten Zuwächse an den Börsen deuten allerdings darauf hin, dass Investoren wieder an die alte Zins-Regel glauben. "Momentan setzen die Investoren darauf, dass die Zentralbanken es schaffen, die Konjunktur bald zu stabilisieren", sagt Commerzbank-Stratege Rolf Elgeti. Dann würden die Unternehmensgewinne im nächsten Jahr kräftig steigen – und so den jüngsten Höhenflug der Kurse rechtfertigen.

Auf dieser klassischen Wirkungskette beruht die jüngste Börsenreaktion: Fallende Zinsen stimulieren die Wirtschaft, das hilft den Unternehmen – und die Börse nimmt diese Entwicklung vorweg. Offen bleibt jedoch, wann die Firmenprofite wieder steigen. Skeptiker wie Dresdner-Experte Montier und JP-Morgan-Stratege Chakrabortti fürchten, dass die Wirtschaftsflaute länger dauert als viele glauben.

"Es ist schon beunruhigend, dass die Erholung der Unternehmensgewinne sich seit 1999 immer weiter in die Zukunft verschiebt", sagt Chakrabortti. Zunächst hofften Experten auf einen Aufschwung im ersten Halbjahr 2000, dann im zweiten Halbjahr, dann 2001 und mittlerweile erwarten selbst Optimisten eine Trendwende erst im nächsten Jahr. Dazu zählen Commerzbank-Stratege Elgeti und die Experten von Salomon Smith Barney, der Investmenttochter des Finanzriesen Citigroup.

Chakrabortti vermutet, dass die massiven Überkapazitäten vieler US-Konzerne eine Gewinnerholung verzögern. Im Boom der späten 90er Jahre schätzten viele Unternehmen die Nachfrage für ihre Produkte falsch ein. So hatten einstige Wachstums-Weltmeister wie Cisco, JDS Uniphase und Nortel plötzlich viel zu viele Werke und Mitarbeiter, als Mitte 2000 zunehmend die Kunden ausblieben.

"Die Firmen müssen sich gesund schrumpfen, dabei können Zentralbanker kaum helfen", sagt Dresdner-Experte Montier. Im Gegenteil: Niedrige Kreditzinsen helfen Firmen, die kurz vor der Pleite stehen, noch eine Weile länger zu überleben. Dadurch bleiben überflüssige Kapazitäten womöglich sogar länger erhalten als ohne Zinssenkungen. Der notwendige Anpassungsprozess wird so verzögert.

Fazit: Früher oder kriegen Duisenberg und Greenspan die lahmende Konjunktur wieder flott. Anleger müssen hoffen, dass sie früher – und nicht später – erfolgreich sind.

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