"Alter Mann verguckt sich in jungen Mann"
Schaf im Wolfspelz

Bohlen, Effenberg - und jetzt kann auch Joop die Worte nicht mehr halten. Der Buchmarkt der Eitelkeiten boomt. Der Verlag rechnet mit dem Promi-Faktor und der Autor Wolfgang Joop mit seiner Branche ab.

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, sich aber Wolfgang Joop nie zu fragen trauten - steht auch nicht in dessen erstem Buch: "Im Wolfspelz". Nur so viel Joop über Joop in der dritten Person: "Nach eigener Einschätzung hatte er keine übermäßig ausgeprägte Sexualität." Auf die Frage eines Moderedakteurs: "Bist du bi?" antwortet Joops Alter Ego: "Ja, aber ich habe gewartet, bis die Kinder aus dem Haus waren." Und was ist mit Gruppensex? "Nein, ich wohne nicht beengt."

Thema des Roman-Erstlings ist nicht, wie komischerweise vom Online-Buchhandel amazon.de angekündigt "Überlebenstraining für geplagte Eltern", sondern das bekannte Motiv: Alter Mann verguckt sich in jungen Mann. Das passiert auch dem mittelalten Wolf in New York. Eigentlich ist der nicht wirklich auf der Suche nach dem süßen Vogel Jugend - doch plötzlich ist da so ein flatterhafter Typ. Aber Wolfs Objekt der Begierde, - es heißt mal Skyler, mal Josh - taugt nicht zum Beutetier. Im Gegenteil: Es lässt seinen Gönner ziemlich lächerlich erscheinen.

Mutig, wie Joop in narzisstischer Selbstbespiegelung in seinem Buch die Hose runterlässt. Irgendwie auch rührend, dieses Lechzen nach Liebe, deren höchste Form ja, das wussten schon die Minnesänger im Mittelalter, die unerfüllte sein soll. Alternde Haut wird dünn. Dagegen braucht ein Schaf den Wolfspelz. Vermutlich war der heute ziemlich zerknitterte Blondschopf mal ein niedlicher Knabe. Etwas kindlich Verspieltes hat sich der Endfünfziger bis heute bewahrt. In Berlin bei der Modenschau der Abschlussklasse seiner alten Kollegin Vivienne Westwood saß er wieder mal in der ersten Reihe wie ein wunderliches Kind, im dünnen Hemdchen über Patchwork-Jeans, grinsend an einer Bretzel knabbernd - und die Fotografen hielten drauf.

Als Kind habe er viel geträumt, schreibt Joop in seinem Buch. Und seiner Familie blieb nicht verborgen, dass er kein Wolfgang werden wollte. Sie nannten ihn Wolfi oder Wölfchen - Isabella Rossellini sagte später "Wulf-gäng". "Da hatte er schon gelernt, sich zu verstellen." Und, oder besser aber: "Sich selbst zu trauen, lernte er nicht." Offenbar war der oder das Wolfsjunge schon während der Schulzeit dem schönen Schein verfallen. Hätte er sonst seinem Lehrer auf die Frage nach der schönen Helena geantwortet: "Helena Rubinstein, eine Kosmetikfirma."

Was oft vergessen oder übersehen wird: Wolfgang Joop, der Kunstpädagogik, Malerei, Bildhauerei und Werbepsychologie studierte, ist eben ein Multitalent. Damit spielt er, bewusst, sicher auch mal unbewusst. Er ist zweifellos ein überzeugender Zeichner und Bildhauer und beim Schreiben ein pfiffiger Formulierer, aber eben auch ein nerviger Selbstvermarkter. Im aktuellen Vogue-Interview gesteht er, sich selbst auf die Nerven zu gehen.

Er habe, das sagt ein Mode-Profi, "in seinen Anfängen tolle Mode gemacht". Er selbst sieht das (in seinem Buch) etwas anders: "Ich habe doch nur aus Kacke Bonbons gemacht!" Zu viel davon ist ungesund. Jedenfalls: "Wolf würdigte die Kleider, in denen sein Name stand, keines Blickes. Er wusste, dass seine ursprünglichen Ideen in kaum einem mehr zu erkennen waren." Einer CNN-Reporterin sagt er ins Mikro: "Das Neue und zugleich das Konstante an der Mode ist, dass oben der Kopf herauskommt. Das ist dann die Botschaft."

Im Business lernte er "das erwachende Bedürfnis seiner Landsleute nach Exzentrik und Luxus und die Gier von Geschäftspartnern und so genannten Beratern für sich selbst zu nutzen." Und: "Meine Partner haben geglaubt, ich sei dumm genug, ihnen zu vertrauen - und Recht hatten sie." So ist das: "Eine Hand wäscht die andre. Dabei werden dann oft beide Hände schmutzig." Wenn der alte Fuchs die jungen Hühner warnt, wird die Lektüre zum Lehrbuch: "Als Model bist du nie schön genug und als Schauspielerin nie jung genug. Bist du Sekretärin oder Friseuse, sagt jeder: Sieht die aber toll aus! An Models oder Schauspielern gibt es immer etwas zu mäkeln."

Supermodels sind für ihn Puppen. Die "müssen funktionieren. Je abstrakter ihre Persönlichkeit ist, desto leichter kann ein Puppenspieler, ihr Mieter für einige Stunden, seine Vorstellung von Wirklichkeit auf sie projizieren. Was dann entsteht, nennt sich Zeitgeist."

Wenn?s um Popkultur geht, wird er sogar poetisch: "Schwarzlicht ließ Schuppen und Staub auf den Schultern der Wartenden aufleuchten wie kostenloses Kokain." Klar wird in den Kapiteln gekokst, auf Teufel komm? raus: "Amy und Naomi brachten jeweils ihre Dealer mit. Und wenn du denkst, in den Evian-Plastikflaschen, die sie bei sich haben, sei ,holy water?, dann hast du Recht. Es ist Wodka-Tonic."

Die Welt ist voller Mogelpackungen: Wo Joop drin- und draufsteht, ist schon lange kein Joop mehr drin. Seinen Namen hat der Mann verkauft wie Schlemihl seinen Schatten. Und doch müssen ihn Entzugserscheinungen gepackt haben, die Droge Mode lässt ihn nicht los.

Jedenfalls stellte Joop gerade seine Wunderkind-Couture vor, Cocktail-Mode, die bis zu 20 000 Euro kosten soll. Der Name, den er sich frühzeitig schützen ließ, ist Programm: Für die Realisation holte er sich talentierten Nachwuchs von Vivienne Westwood in sein Haus nach Potsdam.

Mit Joops Buch wird?s wohl werden, wie es mit Joops Mode war: Die Leute kaufen?s, weil Joop drauf- bzw. drinsteht. In Berlin verkündete Joop, die Welt warte bereits auf sein zweites Werk. "Wer den Himmel auf Erden sucht, hat im Erdkundeunterricht nicht aufgepasst", heißt es in seinem ersten Werk. Wölfchen hat da wohl geträumt.

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