Alternative für NC-Gescheiterte
Medizinstudium in Ungarn

Drei Universitäten in Budapest und Szeged bilden in deutscher Sprache Mediziner aus. Jedes Jahr nutzen rund 250 Studenten die Chance, den hohen Numerus Clausus in Deutschland zu umgehen. Die Studiengebühren sind gepfeffert, doch die Ausbildung genießt einen guten Ruf.

BUDAPEST. An einem Freitag schien Adriane Schulze Nahrups Traum vom Tierarztberuf geplatzt: Im Briefkasten lag die Absage der Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Doch drei Tage später der unerwartete Hoffnungsschimmer: Eine Bekannte erzählte vom deutschsprachigen Veterinärmedizin-Studiengang an der Szent István Universität in Budapest. Auf einmal ging alles rasend schnell: Noch am folgenden Wochenende zog Adriane Schulze Nahrup nach Budapest, obwohl sie kein Wort Ungarisch sprach, und stürzte sich in das bereits laufende Semester.

20 000 Euro Studiengebühr

Einen ähnlichen Entschluss treffen Jahr für Jahr rund 250 deutsche Studenten der Tier-, Human- und Zahnmedizin. Sie schreiben sich für die Szent István Universität, die Budapester Semmelweis-Universität oder die Universität in Szeged ein. Seit Anfang der 80er Jahre gibt es dort Medizin-Studiengänge, die problemlos in Deutschland anerkannt werden. "Soweit ich weiß, kann man nirgendwo sonst außerhalb Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Medizin in deutscher Sprache studieren", sagt Robert Floris, Ansprechpartner der ungarischen Hochschulen für Interessenten in Deutschland. Ein niedriger Numerus Clausus (NC) macht das Studium attraktiv für viele, die an deutschen Unis keinen Platz gefunden haben. Diesen Vorzug lassen sich die ungarischen Hochschulen fürstlich bezahlen: Fast 20 000 Euro Studiengebühren zahlen die Gast-Studenten für die vier vorklinischen Semester bis zum Physikum. Damit stellen sie eine wichtige Geldquelle für die medizinischen Ausbildungsinstitutionen des Landes dar.

"Zum Glück haben meine Eltern meine Pläne unterstützt - nicht nur finanziell", meint Adriane Schulze Nahrup. "In den ersten Tagen habe ich mich aber trotzdem gefühlt, als hätte man mich ich vom Zehn-Meter-Brett ins Wasser geschubst", erinnert sich die Studentin aus dem beschaulichen Münster, die sich selbst als eher heimatverbunden bezeichnet. Doch der Sprung in die Millionenstadt hat sich für sie gelohnt: In zwei Jahren zog sie das Grundstudium durch und kehrte anschließend wie die meisten ihrer Kommilitonen nach Deutschland zurück. Mit dem Physikum der ungarischen Uni bekam die heute 23-Jährige sofort einen Studienplatz in Gießen. "Wenn alles glatt geht, habe ich mit 25 mein Staatsexamen. Hätte ich in Deutschland jahrelang auf meine Zulassung gewartet, hätte ich das nie geschafft." Das Hauptstudium hätte sie zwar auch in Budapest absolvieren können, aber nur in englischer Sprache.

Als "gekauftes" Studium sieht Adriane Schulze Nahrup ihren Abstecher trotz der hohen Studiengebühren nicht. "Die Prüfungen waren ähnlich hart wie in Deutschland, auch mit hohen Durchfallquoten. Und wir haben sogar einige Scheine gemacht, die in Deutschland erst im Hauptstudium auf dem Programm stehen". Die Qualität der ungarischen Ausbildung sei hoch, bestätigt Dr. Otmar Kloiber vom Auslandsdienst der Bundesärztekammer. "Die Medizinerausbildung in Ungarn genießt generell einen guten Ruf - und die Semmelweis Universität zählt sogar zu den besten medizinischen Hochschulen Europas." Auch bei Arbeitgebern seien Mediziner mit Studiensemestern in Ungarn gern gesehen - nicht zuletzt wegen ihrer Auslandserfahrung.

Eingeschworene Gemeinschaft

Die Studenten selbst empfinden das straff organisierte Studium als größten Vorteil. "Es gab einen festen Stundenplan. Außerdem waren die Gruppen so klein, dass man sich nicht verstecken konnte - und die Professoren waren jederzeit offen für Fragen", erzählt Adriane Schulze Nahrup. Da die meisten Hochschullehrer Lehr-Erfahrung aus Deutschland mitbringen, gab es kaum Verständigungsprobleme. In der Bibliothek stehen alle Fachbücher in Ungarisch, Deutsch und Englisch, denn die Szent István Universität bietet den Studiengang auch in englischer Sprache an.

"Weil ich kein Ungarisch konnte, habe ich mich vor allem mit Deutschen und anderen Ausländern angefreundet. Leute kennenzulernen, war überhaupt kein Problem, weil sich alle fremd gefühlt haben", erinnert sich Adriane Schulze Nahrup. "Wir sind eine richtig eingeschworene Gemeinschaft geworden - und sind es immer noch, zwei Jahre nach der Rückkehr". Dass in der Touristenstadt Budapest die meisten Einwohner Deutsch oder Englisch verstehen, half im Alltag - und gegen den Kulturschock. "Budapest ist gigantisch, eine richtige Metropole, mit vielen wunderschönen, aber oft heruntergekommenen Gebäuden. Mit der U-Bahn kommt man praktisch überall hin - und das Studenten-Ticket kostet nur acht Mark im Monat". Auch die übrigen Lebenshaltungskosten sind Osteuropa-typisch niedrig. "Ich habe im Monat nur halb so viel Geld gebraucht wie jetzt in Gießen - obwohl ich in einer schönen Altbau-Wohnung gelebt habe", schätzt Adriane Schulze Nahrup. "Wir sind häufig in die Oper, ins Theater oder ins Kino gegangen, denn die Eintrittskarten kosteten nur ein paar Mark. Die meisten Filme liefen ohnehin in Englisch, nur mit ungarischen Untertiteln." Viele Uni-Parties und ein reichhaltiges Sportangebot erleichterten das Einleben. "Die Ungarn sind richtige Schwimm-Fanatiker, deswegen gibt es viele Frei- und Thermalbäder. Und das Wetter war im Vergleich zu Deutschland einfach traumhaft - bis in den November konnte man im Pullover nach draußen, und im Winter fällt richtig viel Schnee."

Abi-Schnitt unwichtig, Mathe und Physik Pflicht

Robert Floris rät allen Interessenten, vor dem Start gründliche Informationen über das Studium in Ungarn zu sammeln und sich vor Ort umzuschauen. "Es gibt jedes Jahr ein Informationswochenende, das man nutzen sollte, wenn die Zeit reicht". Bewerber, die sich ähnlich wie Adriane Schulze Nahrup erst nach einer Absage von der ZVS für die ungarische Alternative entscheiden, sollten sich aber nicht abschrecken lassen - auch wenn der Bewerbungsschluss in Ungarn dann meist schon vorbei ist. "Häufig kann man noch einen freien Platz ergattern." Einen Top-Abitur-Durchschnitt verlangen die Hochschulen zwar nicht, wohl aber gute Kenntnisse in Mathe, Physik, Biologie und Chemie. "Alle, die diese Fächer beispielsweise schon in der Mittelstufe abgewählt haben, können ein ebenfalls gebührenpflichtiges Vorbereitungsjahr absolvieren." Bei der Wohnungssuche und beim unvermeidlichen Papierkrieg rund um Visum und Aufenthaltsgenehmigung hilft die Organisation College International, für die auch Floris ehrenamtlich tätig ist. Weil die Zeit für eine Aufenthaltsgenehmigung zu knapp war, musste sich Adriane Schulze Nahrup allerdings die ersten Monate mit einem Touristenvisum behelfen.

Ihren Mut von damals hat sie nie bereut, auch wenn sie ihr weiteres Leben lieber in Deutschland verbringen möchte. "Durch die zwei Jahre bin ich viel selbständiger geworden. Und für meinen Traumberuf Tierärztin hat es sich auf jeden Fall gelohnt."

Weitere Infos:

College International
P.O. Box 121, H-1518 Budapest
Tel.: 0036-1/ 413 30 13
Fax: 0036-1/ 413 30 30
E-mail: info@mail.wmcbp-ci.hu
Web: http://www.wmcbp-ci.hu
Vertretung in Norddeutschland:
Dr. Ralf Dux
Paulinenstraße 38
32756 Detmold
Tel.: 05231/ 38 868
Fax: 05231/ 38 869

Vertretung in Süddeutschland:
Robert Floris
Postfach 1747
90006 Nürnberg
Tel: 0177/76 42 892
Fax.: 0918/7410802

Szent István Universität, Veterinärmedizinische Fakultät, Budapest (Állatorvostudományi Egyetem)

Studentensekretariat
István utca 2, Gebäude H, Zi. 102
H-1078 Budapest VII
Telefon: 0036-1/ 4784-116
Fax: 0036-1/ 4784-117
E-mail: student@univet.hu
Web: http://www.univet.hu/german/education/

Deutsches Sekretariat der Semmelweis Universität für Medizinische Wissenschaften
H-1085 Budapest VIII.
Üllõi út 26
Tel.: 0036-1/ 317-0932
Fax: 0036-1/ 266-6732
E-mail: sigie@rekhiv.sote.hu
Web: http://www.sote.hu

Universität Szeged
Sekretariat für ausländische Studenten
H-6720 Szeged
Dóm tér 12.
Tel: 0036/ 62 545-030
Fax: 0036/ 62 545-028
E-mail: ba@medea.szote.u-szeged.hu
Web: http://www.szote.u-szeged.hu

http://www.ungarnaktuell.de/page/wissenschaft/wissenschaft.htm

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