Alternatives Ziel in Zeiten des Terrors
Sylt wird als Urlaubs-Klassiker wiederentdeckt

Insulaner sind auch nur Menschen. Und wenn so ein Insulaner frei hat, dann macht er das, was gewöhnliche Festlandratten auch gern tun: "Ausschlafen, lesen, ein bisschen Sport - Hauptsache: Man ist zeitlich ungebunden."

HB DÜSSELDORF. Harald Hentzschel ist Insulaner. Der kleine Unterschied: Seine Insel ist eine begnadete Diva. Die Natur hat sein Heimateiland versorgt mit würziger Seeluft, schäumender Brandung und 40 Kilometer langem Sandstrand. Sport ist hier Naturvergnügen: "Ich mache Powerwalking auf Radwegen mitten durch die Dünen. Wo kann man das schon?" fragt der 52-Jährige. Zu Recht. Die Antwort: auf Sylt.

Promis suchen das Weite

Als Schickeria-Ziel ist Sylt zwar etwas aus der Mode gekommen. Dort, wo einfache Fischverkäufer wie Jürgen Gosch zu Fischverkaufsmillionären geworden sind - mit der "Alten Bootshalle Gosch" -, wo Bentleys kein Aufsehen erregen und Reichsein als schlicht normal erscheint, dort hat so mancher Promi in den letzten Jahren sein Handtuch geworfen und dem Westerländer Strand einen Korb gegeben.

Dafür aber haben Otto Normalverbraucher und seine Familie die Insel nun wiederentdeckt. In Zeiten des Terrors nämlich, da meidet man die türkische Riviera, und selbst griechische Inseln erscheinen für die Ferien als nicht so ganz urlaubsreif. Und Wirtschaftsflaute hin, Konjunkturprobleme her: Im Urlaub wird das Portemonnaie weit aufgemacht - um "beim Austernmeyer" zu schlemmen oder im "Gogärtchen" den einen Schicki oder anderen Micki zu erspähen.

Dem Einteiler folgte der Chanel-Bikini

Touristen besuchen die Königin der Nordsee, wie Sylt liebevoll genannt wird, seit mehr als hundert Jahren. Im züchtigen schwarzen Einteiler kreuzten sie einst in Westerland auf. Dann kamen sie mit Segelboot und Surfbrett, Golfbag und Chanel - Bikini. Sylter Karrieren wurden geschrieben, Sylter Stimmungen genossen. Ja, sogar das Sylter Gefühl wurde beschworen. Auf Sylt hat man mehr vom Meer, mehr vom Himmel, mehr vom Sand, so die Parole. In jedem Fall aber und nachweisbar mehr Sonne als auf dem elf Kilometer entfernten Festland. Genauer: 220 Stunden mehr pro Jahr.

"Sie ist nie dieselbe und doch stets unverkennbar diese Insel", schrieb einst Verleger Peter Suhrkamp. Solche Prosa und manche Fakten formen Legenden. Alles zusammen ließ die ankerförmige Insel aufrücken in die Liga von St. Tropez und Cannes, von Marbella und Mallorca.

Playboy feiert woanders

Dabei gibt es für jeden etwas: Kampen ist schicker Laufsteg, Keitum friesisches Dorf, Westerland das Herz der Insel. So war es schon, als Deutschlands letzter Playboy Gunter Sachs auf Sylt noch rauschende Feste feierte, die er, wie gerade seinen 70. Geburtstag, neuerdings lieber ins rustikale bayerische Voralpenland verlegt. Das wilde Partyleben nimmt ab, die Ruhe zu, die Sylter Stimmungen aber, die bleiben gleich.

Auch wenn immer häufiger neue Opel als Oldtimer entlang der Lister Straße von Kampen rollen. "Für die sieben Kilometer von Kampen nach List brauche ich eine Stunde", erzählt Powerwalker Harald Hentzschel.

Im Haus seiner Eltern kam der Westerländer auf die Welt; schon damals war?s ein Hotel. Dasselbe "Hotel Stadt Hamburg" ist heute das erste Haus am Platz - und Harald Hentzschel sein Besitzer. Die 48 Zimmer und 24 Suiten der Luxusklasse bringt er immer noch voll, aber die überwältigende Mehrheit der Sylter Feriengäste wohnt gern in Privatquartieren. Für manche Sylter ist das Vermieten sogar die wichtigste Einnahmequelle, für andere zumindest gern gesehener Nebenverdienst.

Man riecht das Meer überall

Bei alldem ist eines jedoch nicht verloren gegangen: das urwüchsige Sylt. Harald Hentzschel weiß, wo es liegt. Am Ellenbogen im Norden zum Beispiel, "eine außergewöhnliche Verbindung zwischen rauem Meer, seichtem Watt und hohen Dünen dazwischen".

Wegen seines zweites Hobbys Fotografie betrachtet er die Heimat aus verschiedenen Blickwinkeln. "Ich warte immer auf das richtige Licht. Denn beim Fotografieren muss ich die Dinge zum Leuchten bringen." Folgerichtig heißt sein jährliches Werk "Lichtbilder", ein großformatiger, hochwertiger Kalender mit Sylter Motiven und einem besonderen Eintrag am 21. Februar: Der friesische Feiertag Biikebrennen war einst der Abschiedstag für die Walfänger.

Merkt ein Insulaner eigentlich noch, dass er auf einem Eiland lebt? "Man riecht und hört das Meer von fast jeder Stelle der Insel."

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