Altersversorgung
Analyse: Die Börse ersetzt die Politik nicht

Der Aktienmarkt alleine reicht nicht als Basis. Auch die Politik ist zur Sicherung der Altersversorgung gefordert.

DÜSSELDORF. Niemand weiß, ob die Aktienmärkte noch weiter sinken oder sich in absehbarer Zeit wieder fangen. Selbst wenn es zu einem Anstieg kommen sollte, droht bald der nächste Absturz, weil die Gewinne der Unternehmen nicht Schritt halten. So bleibt die Unsicherheit groß.

Eine Erkenntnis darf aber inzwischen als sicher gelten: Die Vorstellungen darüber, welche Renditen Aktien langfristig einbringen können, waren in den 90er-Jahren weit überzogen. Werte von acht, neun oder mehr als zehn Prozent, und das womöglich noch nach Abzug der Inflation, müssen aus heutiger Sicht als völlig unrealistisch gelten. Die Perspektive war in der Zeit des Börsenbooms verzerrt: Wenn das aktuelle Kursniveau sehr hoch ist, dann kann man über alle möglichen Zeiträume zurückrechnen und wird immer satte Renditen herausbekommen. Heute sehen die Ergebnisse sehr viel magerer aus.

Theoretisch war schon immer klar, dass die Börsen sich auf lange Sicht nicht von dem allgemeinen wirtschaftlichen Wachstum abkoppeln können. Doch die Theorie schien außer Kraft gesetzt. Weil die Zinsen sanken und immer mehr Geld in die Aktienmärkte floss, war scheinbar eine wunderbare Renditemaschine erfunden worden. Und diese Maschine sollte nicht nur den einzelnen Anleger beglücken. Sie hat auch politisch eine wichtige Funktion: die drohende dramatische Lücke in der Altersversorgung zu schließen. In den USA beruht schon ein bedeutender Teil der Vorsorge auf Aktien. In vielen Ländern Europas hat sich erst in den letzten Jahren eine Aktienkultur entwickelt. Immerhin werden in Italien und Deutschland staatliche Vorsorgesysteme mit Kapitaldeckung eingeführt - Stichwort Riester-Rente.

Was aber, wenn diese Maschine nicht richtig funktioniert? Wenn nur kümmerliche Prozentzahlen beim heißen Börsenspiel abfallen?

Ein fataler Fehlschluss wäre es, jetzt die Börse und das Prinzip der Kapitaldeckung einfach abzuschreiben oder für weniger wichtig zu halten. Der gegenteilige Schluss ist richtig: Weil die Finanzmärkte nur bescheidene Renditen abwerfen, muss um so mehr gespart werden, damit ein genügendes Polster aufgebaut werden kann. Das heißt zum Beispiel, dass die Riester-Rente, die ohnehin nur ein winziger Anfang ist, jetzt noch viel stärker ausgebaut werden muss. Dabei kann man sich gewiss über Details der Ausgestaltung streiten - wichtiger ist, dass die Richtung stimmt. Das heißt auch, dass der Bürger privat noch mehr vorsorgen muss.

Die zweite Schlussfolgerung ist: Die Finanzmärkte allein werden das Problem nicht lösen. Wenn in Deutschland rund ein Drittel an Geburten zu einer stabilen Bevölkerungsentwicklung fehlt, dann kann kein Kapitalmarkt die gewaltige Finanzierungslücke decken, die daraus unweigerlich entstehen wird. Daraus ergeben sich aber eindeutige politische Forderungen: Wir müssen mehr für Familien tun und unsere Grenzen für Einwanderer öffnen. Und dabei ist die Frage, ob das eine oder andere wichtiger sei, falsch gestellt: Beides muss geschehen. Familienpolitik darf nicht nur vor dem Wahltag eine Rolle spielen. Es geht auch nicht nur ums pure Geld, sondern mindestens genauso um praktische Unterstützung bei einem der letzten Abenteuer unserer Zeit, nämlich Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Und beim Thema Einwanderung muss vor allem die Grundlinie klar erkennbar sein: Wir brauchen Menschen. Wer zu viel darüber redet, wen wir im Einzelnen nicht haben wollen, wird diese Botschaft kaum in die Welt hinaustragen können.

Wer in den letzten Monaten den Niedergang der Börse beobachtet hat, konnte leicht den Eindruck gewinnen, dass in den USA die Probleme viel größer sind als bei uns, weil die Amerikaner ihre Vorsorge schon weitaus stärker auf die Kapitalmärkte stützen. Doch dieser Eindruck täuscht. Zwar sind die Amerikaner unmittelbar von der Börsenflaute stärker betroffen. Aber sie haben eine gesündere Bevölkerungsentwicklung. Während bei uns auf ein mögliches Elternpaar statistisch 1,3 bis 1,4 Kinder kommen sind es in den USA etwa 1,9. In Südeuropa und Osteuropa ist die Entwicklung zum Teil noch dramatischer als in Deutschland. Frankreich - ein Land mit langer familienpolitischer Tradition - liegt dagegen bei 1,8, auch Großbritannien und die Benelux-Staaten haben bessere Werte.

Ein weiterer Vorzug der USA: Sie haben schon einen gewaltigen Kapitalstock für die Vorsorge aufgebaut. Sollte er sich - geschmälert durch eine lange Börsenbaisse - als nicht ausreichend erweisen, dann kann die Politik im Notfall immer noch zusätzlich stärker auf Umlagensysteme - also ähnlich unserer staatlichen Rente - zurückgreifen. Denn solche Systeme lassen sich praktisch per Knopfdruck einschalten - sie kosten natürlich Geld, aber sie funktionieren sofort.

Umgekehrt in Europa: Wenn richtig spürbar wird, dass das Umlagensystem nicht reicht - bisher ist das noch nicht wirklich spürbar -, dann lässt sich nicht auf Knopfdruck ein Kapitalstock als Ergänzung aufbauen. Denn dieser Aufbau dauert eine Generation und länger.

Auch der Vergleich mit den USA zeigt also, dass die Politik bei uns in dreifacher Hinsicht gefordert ist: beim Ausbau kapitalgedeckter Vorsorge, der Unterstützung der Familien und im Standortwettbewerb nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Einwohner. Es geht bei diesen Fragen letztlich darum, wie vital eine Gesellschaft ist. Und da, wo die Grundlagen stimmen, funktioniert auch die Börse besser - und liefert doch ihren Beitrag zur Finanzierung dieser Gesellschaft.

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