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Altes Web in neuen Tüten

Nun salbadern sie alle vom Web 2.0 und Social Software. Wurde ja auch mal wieder Zeit für einen supertollen innovativen Hype. Schade, dass er so durchsichtig und platt daherkommt. Web 2.0 ist jetzt das gaaaaaaanz heiße Ding. Soooo spannend! Kommt wie ein Tsunami über uns, Du, echt.

Nun salbadern sie alle vom Web 2.0 und Social Software. Wurde ja auch mal wieder Zeit für einen supertollen innovativen Hype. Schade, dass er so durchsichtig und platt daherkommt.

Web 2.0 ist jetzt das gaaaaaaanz heiße Ding. Soooo spannend! Kommt wie ein Tsunami über uns, Du, echt. Alle reden davon und keiner weiß jetzt so ganz genau, was das ist, macht aber nichts, denn damals, also 1999, als die Aktien so toll liefen und ein Tag ohne IPO kein guter Tag war, damals also, wusste ja auch niemand jetzt so genau, was sich hinter jedem einzelnen in den Konferenzraum geworfenen Begriff so verbarg, brachte doch alles Geld, zumindest eine Zeit lang.

Und nun also das voll menschliche Web 2.0, wo alle mit allen kommunizieren.

Solch eine Idee können eigentlich, da stimme ich der Diskussion an der Blogbar zu, nur soziale Vollpfosten (neues Lieblingswort) entwickeln. Gestern Abend, zum Beispiel, saß ich mit Freunden in Köln beisammen. Wie so oft in diesen Wochen kam irgendwann das Gespräch auf Open BC, jene Nettwörking-Plattform. Und wieder einmal stellte sich heraus: Die meisten sind da drin, weil man drin sein muss, der praktische Nutzen rechtfertigt nicht den zeitlichen Aufwand. Ich selbst bin auch Mitglied, habe aber einen Vorteil: Ich recherchiere über Firmen. Und über Open BC lassen sich ganz einfach Ex-Mitarbeiter von Unternehmen auftreiben, die gerne auch mal reden.

Für die meisten anderen Menschen in meinem Umfeld hat Open BC nur einen Zweck: Man kann mal über Open BC reden. Und sagen, dass man da nicht mehr aktiv dabei ist.

"Und ehrlich gesagt: Ich hab auch keinen Bock, schon wieder ein Profil mit neuem Usernamen und neuem Passwort einzurichten", sagte J. Womit er Recht hat, denn wer kann noch all seine Passworte verwalten? Seit jeder Anbieter glaubt, seine Kunden vor Passwort-Missbrauch schützen zu müssen, ist das Internet ein Dschungel, bei dem man Brotkrumen streuen muss, um nicht den Weg zu verlieren. SAP zum Beispiel, bürokratisiert nicht nur den Pressemitteilungsversand, sondern auch die Passwort-Welt: In unserem Reiseabrechnunssystem wird alle zwei Monate ein neues Passwort verlangt, bisher verwendete sind nicht erlaubt. Wer sich das ausdenkt, der hatte in einem früheren Leben Spaß am Circus Maximus.

Eine Grundvoraussetzung also, um aus dem Internet ein Social Web 2.0 zu builden ist also nicht erfüllt. Und ohnehin sind ja nun die meisten Versuche, Menschen digital zusammenzubringen bisher wenig gelungen. Erinnert sich noch jemand an das Wort Kommjunitie? Musste man damals, 99, unbedingt haben als Unternehmen. Alle wollten eine, auch wenn die Nutzerzahl sich auf dem Niveau der Bevölkerung von Ottmarsbocholt-Kattenvenne bewegte.
Ciao und Dooyoo waren ja auch mal als Plattform von Meinungsführern gedacht. Die hatten aber irgendwie keine Lust, ständig neue Artikel zu schreiben.

Und dann gab es natürlich noch die tolle kommunikative Online-Versteigerung bei Ricardo. War auch wirklich unterhaltsam und schön gemacht - aber viel zu teuer im Betrieb.

Wer also nun von Web 2.0 faselt, macht sich entweder etwas vor, war 99 nicht dabei, oder hat sich das Gedächtnis beim Frustsaufen über Aktienverluste gelöscht. Sollte Ihnen jemand ein tolles Investment in ein Web 2.0-Internet-Unternehmen anbieten - schicken Sie ihn zum Teufel.

Zu diesem Thema übrigens hier noch ein hübscher Cartoon.

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