Altkanzler sieht sich als Opfer einer Kampagne
Kohl wirft Schäuble und Merkel Intrige vor

afp BERLIN. Altkanzler Helmut Kohl hat seinen ehemaligen Zöglingen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel indirekt eine Intrige gegen ihn vorgeworfen. In seinem in der "Welt am Sonntag" vorab veröffentlichten Tagebuch schreibt Kohl, offensichtlich habe es im Laufe der Spendenaffäre ein abgekartetes Spiel zwischen Schäuble und Merkel gegeben. Konkret nennt der ehemalige CDU-Chef das Beispiel des Aufsehen erregenden Zeitungsartikels der damaligen Generalsekretärin Merkel, in dem diese im Dezember 1999 den Bruch der Partei mit Kohl gefordert hatte. Der damalige Parteichef Schäuble sei ihm die Antwort schuldig geblieben, ob er von dem Artikel gewusst habe, berichtet Kohl. Da sei ihm klar geworden, "dass es sich offensichtlich um ein abgesprochenes Spiel mit verteilten Rollen zwischen der Generalsekretärin und dem Parteivorsitzenden handelt".

Dem Merkel-Artikel räumt Kohl in "Mein Tagebuch 1998-2000" besondere Aufmerksamkeit ein. Merkel hatte darin die Partei aufgefordert, künftig "ohne ihr altes Schlachtross" Kohl in den Kampf zu ziehen. Zugleich forderte sie den Altkanzler indirekt auf, alle Ämter abzugeben. Kohl fasste dies nach eigenen Aussagen als "offene Kampfansage" auf. Dies habe er gerade von Merkel nicht erwartet. Denn "ohne mein klares Votum für sie hätte die Seiteneinsteigerin nicht diese beispiellose politische Karriere gemacht", merkt der Altkanzler an. Es sei ihm deshalb ein Rätsel, aus welchen Motiven die damalige Generalsekretärin "den bedingungslosen Bruch mit mir" wollte.

In diesem Zusammenhang bezweifelt Kohl ausdrücklich, dass Schäuble nichts von dem Zeitungsaufsatz wusste. Außerdem habe sich sein Nachfolger als Parteichef im Laufe der Affäre nicht an Absprachen gehalten, kritisierte Kohl. Das letzte Treffen mit Schäuble im Januar dieses Jahres sei dann eine der "schlimmsten Erfahrungen meines Lebens" gewesen.

In einem Vorwort zu dem Tagebuch gesteht Kohl in einer Zeitung erneut ein, 2,1 Millionen Mark anonyme Spenden angenommen zu haben. Diesen "Fehler" bedauere er, versichert der Kanzler, der auch in dem Buch keine Spendernamen nennt. Zudem weist er erneut alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück und bleibt bei seinen bekannten Darstellungen. Er sei Opfer einer "beispiellosen Kampagne", schreibt Kohl. "Das Ziel der Kampagne ist es, mich zu kriminalisieren und auf diese Weise meine 16-jährige Kanzlerschaft zu diskreditieren." Deshalb habe er sich zum Schreiben des Tagebuches entschlossen. "Selbstgerechtigkeit liegt mir fern."

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