Altria-Investoren und von Milchprodukten enttäuscht
Bei Kraft läuft alles auf Käse hinaus

Altria-Investoren machen sich derzeit offenbar weniger Gedanken um Schadensersatzprozesse gegen die Tabak-Tochter Philip Morris als um das Kaufverhalten von Käse-Liebhabern. Denn wenn der Käse der Tochtergesellschaft Kraft Foods den Verbrauchern nicht mehr schmeckt, droht dies am Gewinn zu zehren.

BRÜSSEL. Altria-Investoren machen sich derzeit offenbar weniger Gedanken um Schadensersatzprozesse gegen die Tabak-Tochter Philip Morris als um das Kaufverhalten von Käse-Liebhabern. Denn wenn der Käse der Tochtergesellschaft Kraft Foods den Verbrauchern nicht mehr schmeckt, droht dies am Gewinn zu zehren.

Die Tabak-Tochter Philip Morris USA hat gerade erst einen Aufschub für eine Prozessbürgschaft über zwölf Mrd. Dollar erstritten. Eigentlich hätte sich das positiv auf den Kurs der Schwestergesellschaft Kraft auswirken sollen, hatten doch Analysten befürchtet, Altria werde bei Kraft das Geld für die Kaution holen müssen. Aber die von Altria getrennt gehandelten Kraft-Titel haben nach dem Gerichtsbeschluss an Boden verloren. Kraft steht wie andere Markenartikler vor einem grundlegenden Dilemma: Wie überzeugt man Verbraucher, die konjunkturbedingt knapp bei Kasse sind, davon, mehr für Artikel zu zahlen, die sich kaum von billigeren Alternativen unterscheiden?

Bei Kraft läuft alles auf Käse hinaus. Käse trägt fast 20 Prozent des Gewinns und etwa 21 Prozent des Jahresumsatzes von 29 Mrd. Dollar bei und ist damit die größte Komponente in der Ergebnisrechnung. Der Anteil am Einzelhandelsmarkt für Käse in Nordamerika beträgt mehr als 40 Prozent. Die Herausforderung liegt darin, einprägsame Marken zu schaffen und das Grundnahrungsmittel als so neuartig anzupreisen, dass der Käufer bereitwillig mehr dafür hinblättert. Kraft hat daher über 500 verschiedene Käsesorten im Angebot und produziert am laufenden Band neue Variationen. Und trotzdem ist der Druck der weniger bekannten Konkurrenz so groß, dass Kraft die Preise kappen musste. Denn der Käse-Absatz ging im vergangenen Jahr um ein Prozent zurück, der Marktanteil sank in fast allen Produktkategorien. Trotzdem berichtete Kraft für das erste Quartal von einem um 22 Prozent auf 848 Mill. Dollar gestiegenen Nettogewinn und einem Umsatzplus um drei Prozent auf 7,36 Mrd. Dollar.

Zwar zogen die Schwierigkeiten rund um den Käse den Gewinn noch nicht nach unten. Sie verhinderten aber die Erfüllung der großen Versprechen, die Kraft im Juni 2001 beim Börsengang gemacht hatte. Damals hatte Kraft den Investoren bis Ende 2003 ein jährliches Gewinnwachstum pro Aktie um 14 bis 16 Prozent in Aussicht gestellt. In den Jahren danach sollte ein Plus von zehn Prozent folgen. Das Jahr 2002 endete mit weiter steigenden Kosten durch höhere Pensionskosten und Rohstoffpreise. Schließlich nahm Kraft im Januar den Gewinnausblick für 2003 auf ein Plus von vier bis sechs Prozent zurück. Daraufhin fiel der Aktienkurs um fast 14 Prozent und verbuchte damit den kräftigsten Tagesverlust seit dem Börsengang. Im Februar versprach Kraft dann ein langfristiges Gewinnwachstum von acht bis zehn Prozent. Derzeit werden Kraft-Titel im Mittel der Prognosen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 für 2003 bewertet - gegenüber 17 des Wettbewerbers Kellogg.

Während einige "Value"-Investoren Kraft als "Schnäppchen" ausgemacht haben, stören sich andere immer noch an der Nähe zum Problemsektor Tabak. Der drücke eben doch auf die Bewertung, sagt Patrick Tschosik, Branchenanalyst bei Dresdner RCM Global Investors. Deshalb lägen Kraft-Aktien um etwa 15 Prozent hinter den Titeln der Wettbewerber zurück.

Mögliche Risiken aus Raucher- Prozessen um Philip Morris haben für Kraft bereits Abstriche beim Bonitätsrating gebracht und damit den Zugang zu kurzfristigen Fremdmitteln über Commercial Paper verwehrt. Wegen der zu erwartenden höheren Kreditkosten ist Kraft jetzt bei Akquisitionen weniger flexibel. Altria kann die nun weniger attraktive Nahrungsmitteltochter dennoch nicht so schnell freigeben. Würde sie größere Teile davon veräußern, stünde Altria eine hohe Steuerbelastung ins Haus. Außerdem würde sich Altria dem Verdacht aussetzen, betrügerisch Gläubiger benachteiligen zu wollen, indem man sich durch den Verkauf erstklassiger Vermögenswerte vor Ansprüchen aus den Tabak-Prozessen zu schützen versucht.

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