Alttestamentarische Strenge prägt das Weltbild des US-Präsidenten
Mit dem Antiterror-Kampf fand Bush sein Thema

Der durchtrainierte Mittfünfziger eilt zum Mikrofon, nimmt zwei Stufen auf einmal. Am Rednerpult wirft er dem Publikum Küsschen zu. Die Menge jubelt. Keine Frage: US-Präsident George W. Bush hat die Körpersprache des Erfolgs bis in die Haarspitzen verinnerlicht. Wie am vergangenen Montag in Pittsburgh spult Bush seine Auftritte mit der Geschliffenheit eines Werbe-Profis ab.

HB WASHINGTON. Vor gut einem Jahr war alles ganz anders. Damals lachte sich die Fernsehnation kaputt über die endlosen Versprecher ihres frisch gebackenen Präsidenten. Der ehemalige Öl-Manager und Besitzer eines Baseball-Klubs wirkte auf viele wie ein Greenhorn aus Texas, das sich in den falschen Film verirrt hatte.

Und bei seinen ersten politischen Gehversuchen hinterließ der "Neue" einen Scherbenhaufen. Der Wirtschaft ging trotz eines gigantischen Steuererleichterungs-Programms die Puste aus. Das Loch in der Sozialversicherung wurde immer größer. Und auf der internationalen Bühne stieß Bush erst China, dann Russland und schließlich den Rest der Welt mit seinem Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll vor den Kopf. Die Schuhe von Bush senior, der Iraks Diktator Saddam Hussein 1991 mit einem globalen Bündnis aus Kuwait vertrieben hatte, schienen dem Junior viel zu groß.

Dann kam der 11. September. Zwölf Stunden nach den Anschlägen versammelte Bush seine engsten Mitarbeiter in einem Bunker unter dem Weißen Haus. "Macht die Truppen bereit", sagte der Präsident. "Dies ist die Zeit der Selbstverteidigung - das ist unser Moment." Bush bereitete sich auf einen Krieg vor, der seine Regierung neu definierte - mit einer historischen Mission gegen den Terror und einer Fülle von neuen Kompetenzen für die Exekutive. "Jeder Präsident hat seine Agenda", erklärte Bushs Chef-Berater Karl Rove. "Aber sie ist jeweils von den Launen der Geschichte abhängig: Dem einen gibt sie Krieg, dem anderen Rezession, dem dritten Streit und dem vierten Frieden." Bushs Geschenk der Geschichte ist sein Feldzug gegen den Terror.

"Die Ereignisse haben ihn härter gemacht"


Bush sei seitdem innerlich gereift und ernster geworden, betonen Leute, die ihm nahe stehen. "Die Ereignisse haben ihn härter gemacht", meint Joe Allbaugh, Chef des Bundesamtes für Katastrophenschutz (FEMA). Andere Vertraute berichten von einer verstärkten Hinwendung zur Religion. Seit seiner Zeit als Gouverneur von Texas pflegt der wiedergeborene Christ Bush enge Beziehungen zur religiösen Rechten. Doch erst der 11. September hat sein Weltbild durch alttestamentarische Strenge geprägt. Am Anfang bezog der Präsident den Krieg zwischen "Gut" und "Böse" noch auf den Staatsfeind Nummer eins, Osama bin Laden. Als sichtbare militärische Erfolge im Kampf gegen dessen Netzwerk rar wurden, sprach Bush zunehmend von einer weltweiten Schlacht gegen den Terror.

Nur kurzzeitig musste der Präsident vom Podest des strahlenden Oberbefehlshabers heruntersteigen. Als zu Beginn des Jahres der Enron-Skandal die moralische Integrität der US-Wirtschaft erschütterte, hatte Bush plötzlich ein Glaubwürdigkeitsproblem: Seine kumpelhafte Nähe zu Unternehmensbossen löste ebenso kritische Nachfragen aus wie ein umstrittener Aktien-Deal vor mehr als zehn Jahren in Texas.

Sein Lieblingsfeind heißt Saddam Hussein


Doch spätestens mit seiner programmatischen Rede Ende Januar zur "Achse des Bösen" bestimmte Bush wieder die Tagesordnung. Seitdem ist Saddam Hussein sein Lieblingsfeind. Die Debatte wird von Ex-Mitgliedern des Golfkriegs-Kabinetts von 1991 geführt: Der heutige Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld propagieren den Militärschlag. Bush senior, damals für die Eindämmung Saddams, nicht die Vernichtung, schweigt.

Und was will Bush junior? Kritiker werfen ihm vor, er habe seine Entscheidung bereits getroffen und warte nur auf den richtigen Moment, um sich endgültig aus dem Schatten seines Vaters zu befreien. Leute, die ihm nahe stehen, scheinen dies zu bestätigen: "Wenn George bei irgendetwas stark ist, dann beim Timing." Das Urteil stammt von Bushs Ehefrau Laura.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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