Am 16. September jährt sich zum zehnten Mal der Abschied der britischen Währung aus dem EWS
Euro-Referendum lässt das Pfund kalt

Die Aufregung war groß, als das Pfund 1992 aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) flog. Heute trauert auf der Insel kaum jemand diesem Ereignis hinterher. Währung und Wirtschaft zeigten in der Folgezeit Stärke. Beobachter erwarten, dass das Pfund trotz erneuter Beitrittsdiskussion zum Euroraum kaum Schwäche zeigt.

LONDON. Britische Euro-Gegner bekommen in gut zwei Wochen eine Steilvorlage geliefert: Am 16. September jährt sich zum zehnten Mal der unfreiwillige Abschied des Pfundes aus dem Europäischen Währungssystem (EWS). Und James Frayne, Sprecher der so genannten "No-Campaign" weiß die Vorlage schon jetzt zu nutzen: "Der Abgang von diesem System war der Grundstein für den ökonomischen Erfolg der vergangenen Jahre."

Das sitzt - auch wenn es nicht so ganz stimmt. "Wir können immer noch nicht genau sagen, warum sich das Pfund und die britische Wirtschaft in den vergangenen Jahren derart stark entwickelt haben", sagt etwa Andrew Scott, Professor der London School of Economics und Analyst des Centre for Economic Policy Research, eines einflussreichen Forschungsinstituts.

Fakt ist jedoch, dass aus dem damals "temporären" Ausstieg der Briten längst ein Normalzustand geworden ist: Zehn Jahre nach dem unangenehmen und peinlichen Abgang des Pfundes aus dem EWS sieht es nicht so aus, als würde die Währung bald dem Nachfolgersystem EWS II angehören, der "Qualifikations-Stufe" zum Eintritt ins Euroland. Das Pfund ist stark, die Wirtschaft auf der Insel entwickelt sich besser als in den meisten anderen westlichen Ländern, und ein mögliches Referendum für das nächste Frühjahr hängt in der Schwebe.

Schwarzer Mittwoch

Damit hatte an jenem schicksalsschweren Mittwoch im Jahr 1992 niemand gerechnet: Unter heftigem Abwertungsdruck hatte die Bank of England damals ihre verzweifelten Stützungskäufe aufgegeben und das Pfund - ebenso wie die Italiener die Lira - aus dem EWS herausgenommen. Schnell sprach man auf der Insel von einem "schwarzen Mittwoch", denn die Aussichten waren trübe. Das Pfund lag am Boden - und fiel zunächst noch weiter - und Großbritannien musste neben einer relativ hohen Inflationsrate von 3,6 % eine Arbeitslosigkeit von fast 9 % verkraften. Die Leitzinsen lagen bei astronomischen 12 %, die öffentlichen Haushalte verschuldeten sich mit hohen Summen. Doch schon im folgenden Jahr zeigte sich, dass die Abwertung der Wirtschaft eher auf die Beine geholfen hat. Einige der Wirtschaftsdaten hatten sich schon wieder gedreht, und das Pfund setzte zu seinem ungeahnten Höhenflug an. In zwei Jahren legte es gegenüber der DM um mehr als 25 % zu. Parallel dazu wuchs auch die Wirtschaft - mit Ausnahme der Export-Industrie, die unter den für sie schlechten Wechselkursen ächzte. Insgesamt aber nennt die Nation jenen September-Mittwoch von 1992 seit einigen Jahren eher golden als schwarz.

Zehn Jahre danach scheint sich zumindest ein Aspekt zu wiederholen - die Entwicklung des Pfundes hängt wieder an der europäischen Frage. Derzeit notiert das Pfund nach einer leichten Schwächephase bei 1,56 , und die binnenwirtschaftlichen Risiken für eine Abwertung sehen Ökonomen als gering an. "Es ist schwer, sich anhand der momentanen Daten eine Schwäche des Pfundes vorzustellen", sagt Moore. Zwar lässt die Inflation der Hauspreise noch immer nicht nach, doch ein Platzen der Blase ist angesichts niedriger Zinsen nicht zu erwarten.

Die für das Pfund wichtigste Entscheidung hängt mit dem Referendum zum Euro-Beitritt zusammen und fällt frühestens im nächsten Jahr. Bis dahin könnte das politische Auf und Ab die Währung in Mitleidenschaft ziehen. Sollte es kein Referendum geben, rechnet etwa Barclays-Volkswirt Jack Moore damit, dass das Pfund stark bleibt. Scott glaubt sogar, dass die Währung in diesem Fall kurzfristig zulegen würde, weil ein "Nein" die Unsicherheit aus dem Markt nehmen würde. Sollte es zu einem Referendum kommen, müsse sich auch die Währung gegenüber dem Euro weiter verbilligen, hieß es bei Volkswirten in der Vergangenheit stets. Langfristig sei der hohe Pfundkurs Gift für das exportorientierte verarbeitende Gewerbe. Eine derart schwere Hypothek sollte man deshalb nicht in eine europäische (Viel-)Ehe einbringen. Doch diese Ansicht hat sich wieder etwas relativiert: "Wir sind nicht gerade eine Million Meilen entfernt vom besten Wechselkurs", sagt Moore mit britischem Understatement. Er sieht deshalb auch nach der Entscheidung über ein Referendum keinen Abwertungsdruck.

Société Générale-Volkswirt Brian Hilliard sieht noch einen anderen Grund dafür, dass es in einem solchen Fall nicht zu einer Abwertung kommt, weil auch die Euro-Länder kein unterbewertetes Pfund wollten: "Wir müssen die Lektionen der EWS-Pleite von 1992 lernen. Vor unserem Beitritt gab es keinen Dialog über den richtigen Wechselkurs. Den muss es geben, damit es diesmal funktioniert."

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