Am Markt für Optionsscheine und Zertifikate sind vor allem Indexprodukte gefragt
Die Anleger bevorzugen den simplen Weg

Deutschland ist Weltmeister - nicht beim Fußball, aber bei der Entwicklung künstlicher Finanzprodukte. Der Markt für Warrants boomt seit vielen Jahren. Dieser Rückenwind soll genutzt werden.

Der Finanzplatz Deutschland nimmt im Marktsegment der Optionsscheine (Warrants), der Discount-Zertifikate und der strukturierten Finanzprodukte für Privatanleger neben der Schweiz eine führende Rolle in der Welt ein. Die Anleger an den angelsächsischen Finanzmärkten beschäftigen sich dagegen eher mit börsennotierten Derivaten wie Optionen und Futures. Die hiesigen Banken sehen daher keinen wirklichen pan-europäischen Wettbewerb auf dem Gebiet der Warrants und Zertifikate.

Gemessen am Umsatz und an der Zahl der ausstehenden Produkte stehen Deutschland und die Schweiz an erster Stelle in Europa, gefolgt von Italien. "Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es jedoch einen großen Unterschied", sagt Reinhard Bellet, der bei der Deutschen Bank in Frankfurt für den Bereich Sales und Marketing von Optionsscheinen und Zertifikaten zuständig ist. In der Schweiz tummelten sich auf diesem Markt fast nur professionelle Anleger wie Vermögensverwalter und Eigenhändler. In Deutschland engagierten sich in der Vergangenheit hingegen eher die Privatanleger in Optionsscheinen und Zertifikaten.

Sein Kollege Thorsten Michalik hat allerdings auch in Deutschland zuletzt verstärkt Institutionelle Investoren in diesem Marktsgement beobachtet. "Das kräftig gestiegene Volumen bei Indexprodukten lässt auf die stärkere Teilnahme von Profis schließen", sagt Michalik. Auch aus der gestiegenen Zahl jener Marktteilnehmer, die mit Put-Warrants auf sinkende Preise setzen, schließt Michalik auf eine zunehmende Institutionalisierung des deutschen Marktes für Warrants und Zertifikate.

Die Zahlen der Vergangenheit belegen diese aktuellen Trends allerdings noch nicht: In Deutschland wurden im Januar 2002 genau so viele Geschäfte abgeschlossen wie im gesamten ersten Halbjahr 2002 in der Schweiz. "Die durchschnittliche Ordergröße ist in der Schweiz jedoch in etwa 5 mal so hoch wie in Deutschland", sagt Bellet gegenüber dieser Zeitung. Dies sei ein klares Anzeichen für einen sehr stark institutionell geprägten Markt in der Schweiz.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem in Deutschland seit Jahren boomenden Markt für Warrants und Zertifikate zeigt deutliche Schwachstellen auf. Bei den hierzulande von etwa 40 Emissionshäusern aufgelegten und an den hiesigen Börsen gelisteten rund 26 000 Warrants sowie den etwa 6000 Zertifikaten findet nur in den wenigsten Produkten ein wirklicher liquider Handel statt. Das Gros der so genannten "Retail-Derivate" erwies sich in den vergangenen Monaten dagegen als vollkommen illiquide. Dabei kam vor allem der Handel in Aktien-Warrants fast zum Erliegen.

Zentrale Plattform fehlt

Kritiker betonen seit Jahren, dass das in Deutschland bestehende Potenzial "spekulationswilliger" Anlegern besser organisiert und die verfügbaren Gelder entsprechend kanalisiert werden müssten. Doch trotz aller Bemühungen der Deutsche Börse AG ist es bis dato nicht gelungen, eine von den großen Marktteilnehmern akzeptierte zentrale vollelektronische Handels-Plattform für diese Produkte zu schaffen, auf der die Interessen und die Liquidität aller potenziellen Marktteilnehmer zusammentreffen könnten.

Nach den Grundregeln der Marktwirtschaft entstehen immer dort faire Preise, wo eine möglichst hohe Zahl von Marktteilnehmern für ihre Aufträge einen Interessensausgleich findet. Dass die Emissionsbanken bei diesen Produkten einen sehr hohen Marketing-Aufwand betreiben, ist als vager Hinweis darauf zu deuten, dass Warrants und Discount-Zertifikate in der Regel nur selten wirklich fair gepreist sind und sich das Engagement der Banken in diesen Produkten sehr wohl rechnet. Die fehlende Transparenz ist eine weitere Schwäche des Marktes.

Während es der weltgrößten Terminbörse Eurex nicht gelungen ist, ihr Derivate-Fachwissen in die Wagschale zu werfen und sich im Segment der Warrants und Zertifikate zu positionieren, hat sich die Stuttgarter Euwax den größten Teil des Kuchens gesichert. "Der führende Marktplatz für diese Produkte in Deutschland ist eindeutig die Stuttgarter Euwax", sagt Heiko Weyand von HSBC Trinkaus & Burkhardt in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Der Direkthandel über das Internet wird für die Emittenten nach Auffassung mehrerer Banken immer wichtiger. "Etwa 75 % der Umsätze in Optionsscheinen finden an den Börsen vorbei direkt über das Internet statt", erklärt Bellet. Verfüge ein Emittent nicht über alle direkten Anschlüsse zu den Diskontbrokern, so entgehe ihm der Umsatz.

Index-Produkte sind in

Eine Analyse des Derivatemarktes für Privatanleger in Deutschland während der vergangenen beiden Jahren zeigt nur einen wirklichen "Mega-Trend" auf: Index-Produkte sind "in". Mit der Konzentration auf Index-Produkte wählen die Anleger den simplen Weg und umgehen so das höhere Risiko von Investments in speziellen Aktien. In diesem Kontext verweist Bellet auf Statistiken, wonach es für Fondsmanager über viele Jahre hinweg sehr schwer gewesen sei, einen Vergleichsindex zu schlagen. "Weshalb also sollten sich die Anleger also nicht gleich über ein kostengünstiges Indexzertifikat im Markt engagieren", fragt sein Kollege Michalik.

Dieser Trend stellte sich in den vergangenen Monaten sowohl bei der Spekulation mit Optionsscheinen und bei so genannten Knock-Out Produkten als auch beim passiven Investieren über die Nachbildung eines Aktienindex über Zertifikate ein. "Indexprodukte machen bei Optionsscheinen und Knock-Out-Produkten inzwischen in etwa 75 % und bei Zertifikaten mehr als 60 % der Umsätze aus", sagt Bellet. Gerade bei Zertifikaten sei dieser Trend sehr wohl verständlich.

"Aufgrund des aktuell sehr unsicheren Marktumfeldes favorisieren die Anleger derzeit in der Tat vor allem Discount-Zertifikate", sagt Heiko Weyand von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Besonders die mit zusätzlicher Sicherheit ausgestatteten so genannten "Barrier Discount-Zertifikate" und die "Partial Time Barrier Discount-Zertifikate" würden einen eher anlegerfreundlichen Ansatz verfolgen und am Markt daher gut ankommen. Grundsätzlich würden auch Open-End-Indexzertifikate eine liquide und kostengünstige Alternative zu Fonds darstellen.

Am Markt für Optionsscheine und Discount-Zertifikate ist es in den vergangenen Jahren zu erheblichen Verschiebungen der Marktanteile auf der Seite der emittierenden Banken gekommen. Emittenten, die vor zwei Jahren noch stark im Optionsscheinmarkt waren, haben einige Trends verschlafen. Dies gelte zum Beispiel für Finanzinnovationen wie Indexzertifikate oder Knock-Out-Produkte. Ein weiterer Grund für die Verschiebung der Marktanteile ist neben der fehlenden Innovationskraft auch in der Qualität des "Service am Kunden" zu sehen.

Dies macht sich vor allem im außerbörslichen Handel bemerkbar: Anleger handeln in der Regel nur Produkte solcher Emittenten, bei denen sie relativ sicher sein können, dass es für sie die Möglichkeit gibt, außerbörslich zu handeln und zudem in volatilen Marktphasen faire Preise zu bekommen. Im Monat August dieses Jahres hatte die Deutsche Bank ihren Marktanteil bei Optionsscheinen und Zertifikaten auf über 40% gesteigert. Vor einem Jahr hatte dieser Anteil gerade einmal bei rund 13,9 % gelegen. "Erreicht haben wir das durch Produkte, die den Nerv des Anlegers treffen, und durch eine gute Preisgestaltung", sagt Michalik.

Die künftigen Chancen für eine Weiterentwicklung dieses Marktsegments sehen Fachleute in der Entwicklung von Sparplänen für Zertifikate und in der Gestaltung steuereffizienter Garantieprodukte. "Bei Optionsscheinen wird der Trend zu Indizes bestehen bleiben", sagt Bellet. Erst bei einer kräftigen Erholung des Kursniveaus an den Aktienbörsen dürften Aktien als Underlying für Warrants wieder interessant werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%