Am Mittwoch vor genau einem Jahr schreckte die erste Pisa-Studie Deutschland auf
Lobende Töne für Beginn der Bildungsreform

Denn die Pisa-Studie zum Wissensstand der Schüler verschiedener Staaten belegte: Hier zu Lande haben zahllose Jugendliche Probleme, selbst einfache Texte zu verstehen. Und nicht nur das: Im internationalen Vergleich war die Bundesrepublik abgeschlagen.

BERLIN. Am Mittwoch, zum Jahrestag der ersten Pisa-Studie, ziehen auch unabhängige Bildungsexperten ein selten gewordenes Fazit der politischen Arbeit: Sie loben. Denn seit dem Dezember 2001 hat sich etwas getan in der deutschen Bildungslandschaft. So sagt Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz: "Die nötigen Maßnahmen sind auf dem Weg, so weit die Politik das machen kann." Auch aus der Opposition kommen lobende Worte, von Ulrike Flach (FDP) etwa, der Vorsitzenden des Bildungsausschusses im Bundestag. Sie freut sich über den Start der Standardisierung und die Bereitschaft der Länder, in Bildungsberichten Leistungsvergleiche zu ermöglichen. Auch die Pläne für neue Ganztagsschulen finden ihr Lob.

Selbst die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände erklärt in freundlichem Ton: "Da ist deutlich Bewegung hineingekommen", wie Stefan Küpper sagt, Leiter der Abteilung Bildung. Und dass alles etwas länger dauert, dafür hat Petra Stanat Verständnis, die als Koordinatorin bei der Max-Planck-Gesellschaft für Bildungsforschung in Berlin die Pisa-Studien betreut. "Es sind schwierige Entscheidungen zu treffen, die nicht überstürzt werden dürfen."

So manches Projekt litt bisher allerdings unter dem Streit zwischen der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). KMK-Präsidentin Dagmar Schipanski (CDU) hatte die Ministerin im Frühjahr scharf angegriffen und die Bildungshoheit der Länder betont. Denn Bulmahn wollte mit dem Machtwort ihres Kanzlers im Rücken versuchen, vom Bund geregelte Leistungsvergleiche einzuführen. Das erledigen die Länder inzwischen in Eigenregie, und auch bei der Frage der länderübergreifenden Standardisierung sind beide Seiten mehr und mehr auf einer Linie. Flach: "Ich erkenne den guten Willen der Länder, anders als früher."

Bulmahn bekräftigte am Dienstag, der Bund werde helfen, in den nächsten Jahren 10 000 Ganztagsschulen aufzubauen. "Außerdem müssen wir unsere Schulen in den nächsten Jahren endlich in die Freiheit entlassen. Wir müssen weg von der staatlichen Gängelung."

Natürlich ist aber auch nicht alles eitel Sonnenschein. Die Arbeitgeber etwa haben einen Staatsvertrag vorgeschlagen, in dem sich die Länder auf die Standards und deren Beachtung festlegen sollen. "Einheitliche Vorgaben zu haben, heißt nicht, dass der Stoff auch bei den Schülern ankommt", sagt Küpper. Und bis es so weit ist, wird es eh noch dauern. Mit Ende 2004 rechnet Ulrike Flach. Und die Pläne, Kinder schon im Vorschulalter zu fördern, seien "bislang weitgehend politische Prosa". Auch die Ausbildung der Erzieherinnen müsse schneller reformiert werden, damit sie auch sprachliche Fertigkeiten der Kinder fördern können. Mit Grundschulen schließlich wür- de weiterhin stiefmütterlich umgegangen: Hier fehle es an Stellen, um die Pläne umzusetzen.

"Die Grundschule ist der Schlüssel zu allem", sagt auch Rektorenpräsident Landfried. Noch wichtiger jedoch als sie oder auch die Ganztagsschulen zu fördern, sei es, jungen Eltern flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen: "Wenn zu Hause viel geredet wird, haben die Kinder bessere Leistungen in der Schule. Das ist das Geheimnis der sozialen Schichten."

Quelle: Handelsblatt

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