Am Montag geht das Kartellverfahren gegen den größten Softwarekonzern der Welt in die nächste Runde
Kommentar: Microsoft hat sein Monopol missbraucht – sollte aber nicht zerschlagen werden

Der Microsoft-Fall geht in die zweite Runde: Im Saal 20 des Gerichtsgebäudes an der Constitution Avenue 333 in Washington D.C. steht am Montag erneut die Zukunft des Softwaregiganten auf dem Spiel - um 9.30 Uhr Ortszeit beginnt die für zwei Tage angesetzte mündliche Anhörung vor der Berufungsinstanz.

Im Juni 2000 ordnete Richter Thomas Penfield Jackson die Zerschlagung des Konzerns an - in einen Teil für das Betriebssystem Windows und einen für die Anwendungsprogramme wie Microsoft Word und Excel. Doch nun hofft der Konzern auf die große Wende: Der neue US-Präsident George W. Bush gilt als microsoftfreundlicher als sein Vorgänger. Bush allein kann das Verfahren aber nicht stoppen; Microsoft-Chef Bill Gates sitzen noch 19 Bundesstaaten im Nacken. Allerdings hat die Berufungsinstanz schon einmal eine Microsoft-Entscheidung von Jackson aufgehoben, als dieser Ende 1997 Gates zwingen wollte, eine Windowsversion ohne Internet-Explorer anzubieten.

Im vergangenen Jahr gelang Richter Jackson zwar der überzeugende Nachweis, dass Microsoft ein Monopol bei PC-Betriebssystemen besitzt, es mit rechtswidrigen Mitteln verteidigt hat und den Markt für Internet-Browser monopolisieren wollte. Das Problem für die Wettbewerbspolitik fängt damit aber erst an. Wie soll das Verhalten Microsofts sanktioniert werden? Ökonomen und Juristen haben in den USA zwei Arten von Strafen diskutiert: Verhaltensauflagen und eine Zerschlagung des Konzerns. Beides dürfte mehr schaden als nutzen.

Verhaltensauflagen würden bedeuten: Microsoft bliebe erhalten, wäre aber einer strengen Regulierung unterworfen. Die Behörden könnten beispielsweise eine transparente Preisstruktur erzwingen und den Einbau von Anwendungen wie Internet-Explorer in Windows verbieten. Doch damit Microsoft die Auflagen wirklich einhält, müssten sie jeden einzelnen Schritt des Unternehmens kontrollieren - eine teure und bürokratische Lösung, die die Innovationskraft von Microsoft lähmen dürfte.

Eine Zerschlagung ist keineswegs der bessere Weg. Sie wäre ein drastischer Eingriff in die Eigentumsrechte der Anteilseigner - und damit in die Prinzipien der Marktwirtschaft. Eine solche Entscheidung sollte nur gefällt werden, wenn die Vorteile die Nachteile eindeutig überwiegen - was überaus fraglich ist.

Denn Anklage und Verteidigung sind sich einig, dass der Markt für Betriebssysteme zu einem "natürlichen" Monopol neigt. Windows ist kein Produkt wie Dachpappe oder Schrauben. Ein Betriebssystem wird für den Benutzer umso attraktiver, je mehr andere Leute damit arbeiten. Denn Anwender können mit dem Betriebssystem allein nur wenig anfangen, sie sind auf Anwendungsprogramme angewiesen. Und je mehr Menschen mit der gleichen Plattform arbeiten, desto lukrativer ist es für Software-Unternehmen, kompatible Anwendungsprogramme zu schreiben. So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Je mehr Nutzer ein Betriebssystem hat, desto größer ist das Angebot an Anwendungssoftware - und desto attraktiver ist es für die Anwender.

Mehrere "Windows-Companies" zu schaffen, die gleiche Eigentumsrechte am bestehenden Betriebssystem bekommen und miteinander konkurrieren, wäre kontraproduktiv: Jede neue Firma würde Windows weiterentwickeln, was zu inkompatiblen Versionen führen würde. Perdu wären die Vorteile der Standardisierung wie eben die große Softwarevielfalt.

Hinter der von Richter Jackson angeordneten Trennung von Windows und den Anwendungsprogrammen steckt ein anderes Kalkül: Die Standardisierungsvorteile blieben bestehen, doch die neue Anwendungsprogramm-Firma hätte stärkere Anreize, auch für andere Betriebssysteme mehr Programme anzubieten. Diese Rechnung dürfte aber nicht aufgehen. Microsofts im Browserkrieg missbrauchte Monopolmacht rührte aus der starken Stellung von Windows, kaum aus der Position bei Word, Excel und Outlook. Für die neue Anwendungsprogramm-Firma gelten zudem die alten Argumente: Am profitabelsten ist es, sich auf Software für das Betriebssystem mit den meisten Nutzern zu konzentrieren - Windows.

Der schnelle technische Fortschritt in der Software-Industrie verhindert, dass sich Microsoft faul zurücklehnt. Immer wieder werden alte Märkte zerstört und neue geschaffen. Erreichte Marktpositionen garantieren daher nicht den Erfolg in der Zukunft. Daraus folgt aber keineswegs, dass der Staat die Software-Industrie sich selbst überlassen sollte. Bill Gates hat im Browserkrieg gezeigt, wie gut sich auch zeitlich begrenzte Marktmacht missbrauchen lässt. Er sollte daher nicht ungeschoren davonkommen. Drakonische Maßnahmen mit geringer Erfolgsaussicht können aber nicht der vernünftige Weg sein. Warum verhängt die US-Justiz nicht einfach eine Geldstrafe - so saftig, dass sie auch Multimilliardär Gates weh tut?

Windows ist kein Produkt wie Dachpappe oder Schrauben.

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