Am Samstag starten die Rad-Profis zur 57. Spanienrundfahrt – Neuer Modus geplant
„Schönstes Rennen der Welt“

Die Vuelta steht oft im Schatten der Tour de France. Doch das Teilnehmerfeld und die Steigungen können mit dem französischen Klassiker konkurrieren.

MADRID. Dass sich Spanier außer für Fußball auch für andere Sportarten begeistern, lassen die täglichen Nachrichten kaum vermuten. Die Themen drehen sich um den Lederball und die Stars, die ihm nachrennen. "Ronaldo kommt, das ist jetzt das Top-Ereignis", kommentiert der Madrilene Alejandro. "Da bleibt für die Vuelta kein Platz."

Dabei wartet die 57. Spanienrundfahrt, die am Samstag in Valencia mit einem Teamzeitfahren beginnt, mit dem größten Teilnehmerfeld in der Geschichte der Vuelta auf. 23 Mannschaften gehen an den Start, davon sechs aus Spanien und sieben aus Italien, so dass alles auf ein Duell zwischen diesen beiden Ländern hinausläuft. Für Deutschland gehen die vom Weltranglistenersten Erik Zabel angeführte Telekom-Mannschaft und das Team Coast an den Start. Für dessen Sprecher Marcel Wüst ist die Spanienrundfahrt vom Niveau der Teilnehmer her fast mit der Tour de France vergleichbar: "Von den Top-Fahrern fehlen nur Tour-Sieger Lance Armstrong und Jan Ullrich", betont der frühere Profi.

Zum ersten Mal wurde die spanische Rundfahrt 1935 ausgetragen. In den Folgejahren fiel sie dann mehrfach aus, unter anderem während des Spanischen Bürgerkriegs und Anfang der fünfziger Jahre. Lange fand die Vuelta im Frühjahr statt, bevor sie vor sieben Jahren in den Herbst verlegt wurde. Vor zwei Jahren entschieden die Veranstalter dann, auf sehr lange Tagesetappen zu verzichten. Und ab dem kommenden Jahr könnte das Rennen nach völlig neuen Regeln ausgetragen werden: So schwebt den Planern vor, dass künftig 32 Mannschaften eine Woche lang miteinander konkurrieren sollen und danach die 14 schlechtesten Teams ausgemustert werden.

Die Strecke - zunächst an der Mittelmeerküste im Osten, dann durch die Sierra Nevada nach Andalusien, später über die Berge um Madrid und die Etappen im Kantabrischen Gebirge - gilt als ausgewogen. Die Fahrer sind überwiegend auf großen Straßen unterwegs. "Das macht die Vuelta so attraktiv", findet Wüst, der auch die Herzlichkeit der Spanier lobt: "Die sorgt für eine familiäre Atmosphäre." Für den Ex-Profi ist die Vuelta sogar "das schönste Radrennen der Welt", vielleicht auch deshalb, weil er in Spanien seine ersten Erfolge feierte. Bis 1999 gewann der heute 35-Jährige insgesamt zwölf Tagesetappen der Rundfahrt.

In der Favoritenrolle sieht Wüst in diesem Jahr die Spanier, doch für den Gesamtsieg hat er auch den Italiener Gilberto Simoni und den Telekom-Fahrer Andreas Klöden auf der Rechnung. Der sei zwar "nicht unbedingt in Topform", meint Wüst, aber immer für eine Überraschung gut. Team-Telekom-Sprecher Olaf Ludwig glaubt dagegen nicht an Sensationen: "Die Spanier sind die Favoriten", sagt er, "wir konzentrieren uns auf Tageserfolge." Als letzter Deutscher hatte Jan Ullrich 1999 den Klassiker gewonnen. Den spanischen Titelverteidiger Ángel Luis Casero vom Team Coast plagte in diesem Jahr eine Knieverletzung, so dass er ebenfalls nicht in Bestform ist. Doch Spanien tritt gleich mit einer ganzen Armada talentierter Fahrer auf, unter ihnen auch der letztjährige Gesamtzweite Oscar Sevilla.

Doch vor den Sieg haben die Streckenplaner noch den Anglirú gesetzt, einen Horror-Berg im nordspanischen Asturien. "Ich bin den Anglirú selbst gefahren", erzählt Wüst, der seit einem schweren Radunfall vor zwei Jahren keine Rennen mehr bestreitet. "Nach den ersten Kilometern habe ich die Vuelta permanent verflucht." Der Spanier Roberto Heras, der die Rundfahrt im Jahr 2000 gewann, bezeichnet den einstigen Viehweg auf den 1 570 Meter hohen Berg gar als "bestialisch". Kein Wunder: Der Anstieg ist 13,2 Kilometer lang und weist im Durchschnitt eine Steigung von 9,6 Prozent auf. Der härteste Abschnitt ist sogar 23,6 Prozent steil. Ohne eine eigens für diese Etappe eingebaute Spezialübersetzung müssten die meisten Profis hier wohl absteigen.

Am 29. September werden die Fahrer nach insgesamt 3 144 Kilometern in Madrid einlaufen. Und dann kommt auch König Fußball wieder zu seinem Recht. Die Zielankunft ist nämlich - passend zum 100. Geburtstag von Real Madrid - im Bernabeu-Stadion.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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