Am Scheideweg
Die Cebit nach dem Crash

Die Messe zur Baisse. Mitten im Tal der Tränen wird am Donnerstag die High-Tech-Messe Cebit ihre Tore öffnen...

Die Aktienkurse der Technologiewerte sind am Boden, Gewinn- und Umsatzwarnungen an der Tagesordnung. Amerikanische Top-Adressen entlassen tausende Mitarbeiter und die PC-Industrie kann das Wort Krise einfach nicht mehr vermeiden, so drastisch brechen die Absatzzahlen ein.

Der Neue Markt, von vielen trotzig weiter Börse für Wachstumswerte genannt, macht eine Rosskur durch, um sich von den nicht zukunftsfähigen Unternehmen zu verabschieden, die die Aktien-Hype an die Börse gespült hat. Von den "Dot-Coms", den Stars von gestern, will heute niemand mehr was wissen. Und doch versprühen die Cebit-Macher den gewohnten Optimismus, melden Aussteller-Rekorde und ungebremstes Wachstum. Hat denn keiner dazu gelernt?

Als Mega-Thema wird heute das mobile Internet gehandelt, marketingmäßig auch als "Evernet" bezeichnet. Immer dabei, immer online, immer up to date. Über dieses Evernet soll mit M-Commerce ein riesiges Geschäft gemacht werden. Die Sterndeuter des European Information Technology Observatory (EITO) schätzen, dass bereits 2005 rund 175 Mill. Westeuropäer am M-Commerce teilnehmen und 86 Milliarden Euro umsetzen werden - heute sind es gerade einmal sieben Millionen M-Commercer.

Solche Prognosen kennt man zur Genüge. Was heute M-Commerce ist, sollte vor zwei Jahren noch E-Commerce werden. Letztes Jahr war WAP (erinnern Sie sich noch?) die Zukunft. Doch die Amazons dieser Welt kämpfen jetzt schlicht ums Überleben und Branchenführer wie T-Online können es sich leisten, Internet-Pauschaltarife einfach wieder abzuschaffen. Solche "Flatrates" galten einmal als Schlüssel zum Erfolg des E-Commerce. Und WAP? Schwamm drüber.

Was ist mit M-Commerce? Die Mobilfunker überlegen fieberhaft, wie sie die Handy-Nutzung - Basis für M-Commerce - wieder teurer machen können. Die bislang bekannten Modelle für GPRS-Tarife etwa lassen eher auf einen exklusiven Kreis betuchter Nutzer als Zielgruppe schließen als auf einen Massenmarkt. Und das in einer Zeit, in der die Handyhersteller ihre Absatzprognosen zurück nehmen müssen. Aber es hilft nichts, die Milliardeninvestitionen in alte und neue Netze müssen verdient werden. Doch nur wenn der Handy-Boom anhält, werden M-Commerce Träume Realität. Die Wachstumsstrategie hat sich jedoch als zu teuer erwiesen. Ein Teufelskreis.

Aussteller und Besucher der Cebit täten gut daran, die Krise zu akzeptieren und als Chance zu sehen. Nicht nur die Börse war im Internet-Rausch völlig überdreht, auch die High-Tech-Branche hat teilweise den Sinn für die Realitäten verloren. Es muss nicht alles gemacht werden, nur weil es möglich ist. Schon gar nicht sofort. M-Commerce kann sicher in einigen Jahren ein zusätzlicher Vertriebs- und Servicekanal werden. Aber es wird keine Weltsensation.

Die High-Tech-Industrie, vor allem die Telekom-Unternehmen, steht am Scheideweg. Sie haben viel, vielleicht zu viel investiert und auf eine Karte gesetzt. Sie können jetzt unbeirrt wie immer weiter machen oder etwas kürzer treten und versuchen mit dem Vorhandenen Geld zu verdienen. Das würde auch die Börse freuen. Die Zeiten des rasanten Wachstums sind erst einmal vorbei. Doch das ist auch in einer Zukunftsindustrie nichts ehrenrühriges. Und den Nutzern würde es eine Pause gönnen, in der sie sich an die neue Welt auch gewöhnen können. Ein Trend kann ruhig auch mal etwas länger dauern als ein Jahr. Selbst auf der Cebit. Selbst im IT-Bereich.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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