Am Sonntag beginnt die neue Saison
Formel 1: Auf in die Geldmeisterschaft

Die Verhältnismäßigkeit der Mittel in der neuen Formel-1-Saison wird anhand eines einfachen Rechenbeispiels klar: Die Summe, die der Neueinsteiger Toyota in seiner Kölner Basis pro Tag ausgibt - geschätzte 800 000 Euro - zahlt das Privatteam Arrows seinem Neu-Starter Heinz-Harald Frentzen für das ganze Jahr. Der japanische Automobilgigant ist der siebte Hersteller, der sich in der Königsklasse engagiert. Die Weltmeisterschaft 2002 - mehr denn je eine Geldmeisterschaft.

MELBOURNE. 1,7 Milliarden Euro pumpen nach Hochrechnungen allein die Autoproduzenten in die ihnen verbundenen Rennställe. Geld scheint keine große Rolle zu spielen, als ob man der weltweiten Rezession mit 880 PS im Heck einfach davonfahren könnte. Doch die Investitionen müssen sich rechnen, die Hersteller wollen Erfolge sehen. Das olympische Motto gilt auf Asphaltringen nicht, ums Dabeisein geht es nur den Vips.

Doch an der Spitze ist nur Platz für einen. Toyota macht seinem Heer von 550 Spezialisten auf ganzseitigen Anzeigen Mut: "Es geht nicht, sagt der Verstand. Es ist gewagt, sagt die Erfahrung. Es tut weh, sagt der Stolz. Versuch? es, sagt der Traum. Die Herausforderung, einen Traum zu erfüllen."

Michael Schumacher genießt noch die Leichtigkeit des Championdaseins, obwohl er auf dem Weg zum Weltmeisterschafts-Hattrick und Juan Manuel Fangios fünf Rekordtiteln zunächst mit dem Auto aus dem vergangenen Jahr startet. Der Innovations-Bolide F 2002 bleibt für die drei Überseerennen noch in der Garage, weil das filigrane Wundergetriebe erst zur Standfestigkeit reifen muss.

Williams-Neukonstruktion hat noch nicht überzeugt

Der Kolumbianer Juan-Pablo Montoya, wie sein BMW-Williams-Kollege Ralf Schumacher ein Kronprinz in der Königsklasse, verspricht sich durch diesen Rückzieher der Scuderia mehr Kurzweil an der Spitze: "Das ist positiv für uns und negativ für Ferrari. Wenn wir mit dem alten Auto antreten würden, wären wir höchstens Zehnter." Überzeugt hat die Williams-Neukonstruktion bisher aber nicht, auch nicht die Motoren-Partner aus München, die erneut mit dem PS-stärksten Aggregat im Feld kokettieren können. Das weiß-blaue Team ist nicht mehr länger Außenseiter, sondern muss sich zum Duell der Giganten bekennen.

Die direkte Konkurrenz kommt ebenfalls aus Süddeutschland. McLaren-Mercedes, als Vize-Weltmeister eigentlich härtester Ferrari-Gegner, hat als einziger aus dem Spitzentrio alles neu gemacht: Vom Auto über den Motor und die Teamstruktur bis hin zur Kleidung der Mechaniker. Melbourne weckt gute Erinnerungen: 1997, beim letzten Radikalschnitt, konnte der erste Grand Prix mit einem Silberpfeil der Neuzeit gewonnen werden.

Die Hersteller-Meisterschaft, mit der die großen Konzerne Leo Kirch für 2008 drohen, wird bereits vom kommenden Sonntag an geprobt. Hinter Ferrari, BMW-Williams und McLaren-Mercedes wird es ungemütlich eng für die Großmächte in der Mittelklasse. Die Konzerne schöpfen zwar noch aus dem Vollen, aber entsprechend groß ist auch der Leistungsdruck: Renault hat den Benetton-Rennstall übernommen, um im Erfolgsfall nicht bloß ein Namensanhängsel des Teams zu sein. Jaguars Frontmann Niki Lauda hat zwar seinen Chef Wolfgang Reitzle zum besseren Verständnis ein paar Proberunden im Formel-1-Renner drehen lassen, aber auch beim Ford-Statthalter für Nobelmarken zählt am Ende nur das nackte Ergebnis. Honda hat sich angesichts des neuen Lokalrivalen Toyota entschlossen, dem BAR-Team nicht nur die Motoren zu liefern, sondern dort auch in der Design- und Finanzabteilung mitzumischen. Ziel ist die vollständige Übernahme, obwohl die Japaner mit dem Jordan-Rennstall noch ein zweites Team beliefern.

Fünf Jahre Schonzeit für Toyota - bis zum Titel

Toyota spricht offiziell von einer Schonzeit von fünf Jahren bis zum Titelgewinn, das darf angesichts der Anlaufkosten von einer halben Milliarde Euro bloß kein fernöstlicher Controller hören. Und zu allem Überfluss muss das Mittelfeld noch einen Außenseiter wie Sauber fürchten, der mit einem bescheidenen 100-Millionen-Euro-Etat auskommt.

Der Konzern-Darwinismus kann die Formel 1 verändern. Gegen Kirch und das Bezahlfernsehen sind sich die Vorstände im Fahrerlager noch einig. Aber wenn dieses Gefecht vorbei ist, geht es wieder gegeneinander.

Darum dreht sich die Preisspirale immer weiter. Die Teamchefs fordern schon heute eine höhere Beteiligung an den Vermarktungseinnahmen von Bernie Ecclestone: Am liebsten eine Verdoppelung von 50 auf 100 Prozent. Mit dem finanziellen Einsatz wächst auch der Hunger nach Macht.

Williams-Mitbesitzer Patrick Head hält die Entwicklung für unvermeidlich, bewertet sie aber durchaus auch kritisch: "In den Vorstandsetagen wird man den Formel-1-Söldnern das Versprechen abringen, dass es gegen Geld eine Erfolgsgarantie geben muss. Nach einer Zeit werden diese Herren feststellen, dass nicht alle gewinnen können. Geld ist nicht das einzige Fundament für Erfolg." Sein nachdenklicher Nachsatz: "Aber doch sehr wichtig."

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