Am Wochenende wird am Rhein die Kür-Weltmeisterschaft in den Standardtänzen ausgetragen
Der letzte Tango in Bonn

Jahrelang fanden im Tanzmekka Deutschland die Kür-Weltmeisterschaften in den Standards statt. Doch nach diesem Wochenende ist damit vorerst Schluss. Es fehlen Sponsoren und TV-Einnahmen.

Die bewegenden Geigenmelodien, die John Williams für "Schindlers Liste" komponiert hat, liegen dem Tanzpaar schon lange am Herzen. In diesem Jahr erfüllen sich Giselle Keppel und Heiko Kleibrink jetzt endlich einen Traum: Mit der Filmmusik - die sie eigens von einem Streichquartett einspielen ließen - und passenden Dreißiger-Jahre-Kostümen treten sie am Wochenende zur Kür-Weltmeisterschaft in den Standardtänzen im Bonner Maritim-Hotel an. Und die beiden Kölner wollen den Titel. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Dreimal waren Kleibrink und Keppel schon Zweite und am vergangenen Sonntag holten sie mit ihrer geplanten WM-Kür bereits die Deutsche Meisterschaft.

Bei der "Kür" zählen nicht nur Technik und Ausstrahlung, sondern auch die Kreativität der Tänzer. Anders als etwa bei den Latein-Wettbewerben hat jedes Paar die Tanzfläche für sich allein. Die Choreographie für eine Standard-Kür darf Elemente von Walzer, Tango oder Quickstepp enthalten. 18 Paare treten in Bonn an, sechs kommen in die Finalrunde. Die Tänzer, die hier für ihren technischen und künstlerischen Auftritt die beste Note erhalten, verlassen schließlich als Weltmeister den pompösen Ballsaal.

Dabei kämpfen die Teilnehmer vor allem um die Ehre - Geld spielt kaum eine Rolle. "Vom Turniersport allein können wir nicht leben", sagt Giselle Keppler. Das Gewinnerpaar bei einer internationalen Meisterschaft kassiert zwischen 5 000 und 7 000 Mark. "Damit decken wir kaum die Fahrt- und Hotelkosten", so Keppler. Ihr Brot verdienen die 31-Jährige und ihr drei Jahre jüngerer Tanzpartner daher als Lehrer in Tanzschulen und als Schautänzer. Von Arbeitsbedingungen anderer Spitzensportler, die einen eigenen Trainer und Manager haben, können die 50 Profi-Tanzpaare in Deutschland nur träumen. Dabei trainieren Kleibrink und Keppel täglich drei Stunden, um auf internationalem Niveau mithalten zu können.

Knappe Kassen bleiben nicht ohne Folgen

Sowohl den Sportlern als auch den Veranstaltern von Meisterschaften fehlen vor allem große Sponsoren. Die deutschen Meister aus Köln bekommen zwar regelmäßig ihre Kostüme und Schuhe von den Herstellern gestellt. Doch werbewillige Firmen, die sich auch langfristig binden, machen sich in dieser Sportart rar.

Die knappen Kassen der Veranstalter haben Folgen für das kommende Jahr: Deutschland trägt als weltgrößte Tanzsportnation nur noch die Latein-WM aus - die Kür-Weltmeisterschaft wandert nach mehr als zehn Jahren ins Ausland ab. "Uns laufen die Kosten davon", klagt Matthias Fronhoff, Mitveranstalter der WM im Bonner Maritim und Geschäftsführer einiger Tanzschulen des ehemaligen Kölner Profis Karl Breuer. Seit Ende der achtziger Jahre nutzten Fronhoff und Breuer die Weltmeisterschaft vor allem als Werbeveranstaltung, um die eigene Kundschaft an die Schule zu binden. Doch nach diesem Wochenende ist damit Schluss, die Galas wurden vor allem wegen sinkender Einnahmen zum Verlustgeschäft.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde TV-Präsenz des Tanzsports. Zeigte ein Sender wie Vox früher einen Wettbewerb im Fernsehen, erreichte die Quoten sowohl beim Amateursport als auch bei den Profis stets zweistellige Werte. Doch die Privatsender haben die Bälle aus dem Programm verbannt, die Zuschauer, die sich fürs Tanzen interessieren, sind für ihre Werbekunden zu alt. Nur die dritten Programme der ARD zeigen noch Wiener Walzer und Cha-Cha-Cha - allerdings auf Basis von Verträgen ohne Sendegarantie. Die Folge: Die Veranstalter können potenziellen Geldgebern keinen festen Sendeplatz garantieren und müssen für jede Übertragung aufs Neue "Last-Minute-Sponsoren" suchen.

Randsportarten im Teufelskreis

"Randsportarten befinden sich dadurch in einem Teufelskreis", urteilt Horst Schellhaaß, Direktor des Instituts für Rundfunkökonomie an der Universität Köln. Die wenig lukrativen Verträge ohne Sendegarantie seien ein Resultat der frühen neunziger Jahre. Damals kauften die aufstrebenden Privatsender Senderechte der Spitzensportarten Fußball und Formel 1, worauf die öffentlich-rechtlichen mit einem massiven Einkauf bei den Randsportarten reagierten. Die Verträge mit garantierter Übertragungszeit liefen aber nach einigen Jahren zum Leidwesen der Tanzsport-Szene aus und wurden von der ARD nicht verlängert.

Schellhaaß sieht aber eine Chance, Tanzen besser zu vermarkten: "Tanzsport ist im Gegensatz zu anderen Disziplinen schon ein Unterhaltungsprodukt, aber es muss einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden." Stiege die Zahl junger Zuschauer, wäre die Kür zu Schindlers Musik möglicherweise auch finanziell attraktiv.

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