„Amazon muss bald Gewinne machen"
Amazon: Christkind beschenkt Buchhändler

Einst bezeichnete er sich als "Größter Buchladen der Welt". Mittlerweile wirbt Amazon mit der "Größten Auswahl der Welt". Aus dem Buchhändler ist ein Kaufhaus mit Sitz im World Wide Web geworden. Doch ständige Verluste zerstörten das Vertrauen der Anleger: In diesem Jahr stürzte die Aktie ab.

DÜSSELDORF. Der Weihnachtsmann erfüllte Amazon-Chef Jeff Bezos einen großen Wunsch: Es gab mal wieder eine positive Nachricht. Analysten von Goldman Sachs und Marktforscher von PC Data kamen in einer gemeinsamen Studie zu dem Ergebnis, dass die Amerikaner in diesem Jahr rund doppelt so viel Geld im Internet für ihre Weihnachtseinkäufe ausgegeben haben wie im Vergleichszeitraum 1999. Der Umsatz im Online-Handel von der ersten Novemberwoche bis zum 17. Dezember sei auf 8,7 Mrd. Dollar von 4,2 Mrd. Dollar im entsprechenden Vorjahreszeitraum gestiegen, hieß es in einer Studie. Und ein Großteil, so vermuteten die Anleger, sei davon über Amazon abgewickelt worden. Denn es ist in den USA die bekannteste Shopping-Marke des Internets.

Und so quittierte die Aktie des mit rund 25 Mill. Kunden weltgrößten Internet-Händlers die Meldung mit einem Plus von rund zehn Prozent, als die Information am Dienstag an der Nasdaq bekannt wurde. Gestern legte sich die Freude in Amerika wieder. Amazon-Aktien verloren zu Handelsbeginn rund 7 %. Das bestätigte kritische Branchenkenner, die meinen, ein reiner Online-Einzelhändler könne nicht überleben: "Amazon muss beweisen, dass seine Netto-Margen höher sind als die der Offline-Einzelhändler", meint Marco Pabst von UBS Warburg. Speziell im Buchbereich gleiche aber die Kostenstruktur der der klassischen Offline-Buchhändler.

Zudem bleibt der fade Beigeschmack eines Unternehmens, das zwar beständig seinen Umsatz vergrößert, aber statt Gewinnen bisher immer nur Verluste verzeichnete. Und auch im nächsten Jahr soll sich daran nichts ändern.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärte Bezos Ende Oktober, dass er den operativen Verlust im nächsten Jahr auf weniger als fünf Prozent des Umsatzes reduzieren wolle. Doch mit steigendem Umsatz könnte selbst bei der angepeilten 5-Prozent-Quote der Verlust wachsen. Immerhin sanken zwischen Ende 1999 und September 2000 die Verluste von 26 % auf 11 % des Umsatzes.

Doch noch im dritten Quartal dieses Jahres verzeichnete Amazon einen operativen Verlust von 89,4 Mill. US-Dollar. Das hätte einem Minus von 25 Cents pro Aktie gegenüber 59 Cents pro Aktie im Vorjahresquartal bedeutet, teilte das Unternehmen mit. Doch wer einmalige Einnahmen und Aufwendungen herausrechnete, kam auf einen Verlust pro Aktie von 68 Cents. Damit war der Verlust pro Aktie erneut angewachsen.

Die BHF Bank erwartet deshalb mit Spannung das Ergebnis des vierten Quartals, in das auch das Weihnachtsgeschäft fällt. Dann werde sich zeigen, wie weit Amazon von der Gewinnzone entfernt ist.

Die Gefahr des Pleitegeiers scheint aber nicht zu bestehen. Im Juni kam das Gerücht auf, als Ravi Suria, Analyst von Lehman Brothers, prognostizierte, dass Amazon Anfang 2001 das Geld aus gehen werde. Mittlerweile hat Amazon mitgeteilt, dass es das neue Jahr mit liquiden Mitteln von rund 1 Mrd. US-Dollar beginnen werde. Und auch Pabst sieht die Gefahr der Pleite nicht: "Amazon muss bald Gewinne machen. Die Anleger haben das Vertrauen in die Aktie bereits wegen der ständigen Verluste verloren." Immerhin konnte Amazon in seinen ältesten Geschäftszweigen - dem Buch-CD- und Videogeschäft - im dritten Quartal einen Gewinn von 25 Mill US-Dollar ausweisen.

Dennoch liegt das Papier mit einem Kurs von rund 18 US-Dollar rund 80 % unter seinem 52-Wochen-Höchststand von 113 US-Dollar. Dass die Aktie jetzt etwas angezogen hat, verwundert Pabst nicht: "Das Weihnachtsgeschäft musste sich auf die großen E-Commerce-Werte auswirken. Mich wundert nur, dass es erst jetzt kam."

Wer in E-Commerce vertraut und hier investieren will, sollte nach Ansicht des Analysten sein Kapital streuen und in die großen Werte investieren. Und obwohl er Amazon dazu zählt, hält er ein Investment bei dem größten Internet-Händler für spekulativ.

Den Grund sieht er in vielen Unklarheiten. So weiß niemand, ob und wann Amazon Gewinn machen wird. Offen ist auch die Frage, wie hoch die Margen sein werden. Wenn sich zeigt, dass die Margen die der traditionellen Buchhändler nicht wesentlich übersteigen können, gäbe es erneut einen Abschlag. So ist jetzt wieder das Management gefragt, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Denn bis der Weihnachtsmann wieder mit seinem Sack voller Geschenke kommt, dauert es zwölf Monate.

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