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Amazons M-Commerce-Pläne sind gescheitert

Branchenführer Amazon.com zieht beim M-Commerce die Kostenbremse. Auch deutsche Internet-Buchhändler wie Mediantis und Booxtra verringern ihre Ausgaben beim Verkauf über das Handy. Der Medienkonzern Bertelsmann hält hingegen an seinen Plänen fest.

DÜSSELDORF/NEW YORK. Mobile Commerce - der Verkauf via Handy, Notebook oder Palm - entwickelt sich nicht zum neuen Heilsbringer für kränkelnde E-Commerce-Branche. Marktführer Amazon.com will bei den Investitionen in diesen Vertriebskanal sparen. In den USA kaufen wenige Kunden mobil ein. Dies liegt zum Teil daran, dass die Handys meist nur Mini-Displays haben. Außerdem fahren die Internethändler einen harten Sparkurs. Die Folge: Der Vorrang für M-Commerce-Projekte sinkt nicht nur in den USA. Auch deutsche Online-Buchhändler verfolgen beim mobilen Handel eine defensive Strategie.

Die Mediantis AG - ehemals buecher.de - hält sich mit großen Investitionen im M-Commerce zurück: "Die Bedeutung ist gegenwärtig gering. Das Problem der Bildschirmdarstellung und Tastatur ist nur unbefriedigend gelöst", erklärte Vorstandsprecher Georg Heusgen gegenüber dem Handelsblatt. Der Münchner Online-Buchhändler, nach Meinung von Branchenkennern Nummer zwei hinter Amazon.com in Deutschland, erwartet keine signifikanten Umsätze vor 2003.

Derzeit erzielt die Mediantis AG, die erstmals im 4. Quartal 2001 schwarze Zahlen schreiben will, weniger als 1 % des Gesamtumsatzes mit M-Commerce - genauso wie der Augsburger Online-Buchhändler Booxtra GmbH Co. & KG, an dem Springer, Holtzbrinck, T-Online und Weltbild beteiligt sind. Geschäftsführer Klaus Driever sagte gestern, nur 5 bis 10 Bestellung würden täglich über ein WAP-Handy eingehen. Die 1999 gegründete Internet-Buchhandlung investierte daher für eine WAP-Applikation gerade mal 1000 DM.

Hingegen hält Bertelsmann an seinen M-Commerce-Plänen fest. Frank Sarfeld, Sprecher der Bertelsmann eCommerce-Group (BeCG), erklärte: "Für Bertelsmann ist der Vertrieb von digitalen Inhalten über das Handy ein entscheidende Vertriebsweg der Zukunft." M-Commerce ist Bestandteil der von Vorstandschef Thomas Middelhoff ausgegebenen Multi-Channel-Strategie. Bertelsmann will den Kunden mit seinen Medien-Inhalten überall erreichen, im Laden, per Post, Fernsehen und Internet, aber auch über das Mobiltelefon.

Der Vorteil von Büchern, Filmen und Songs besteht darin, dass diese digital gespeicherten Produkte technisch einfach und vor allem preiswert auf anderen Kanälen vertrieben werden könne. Bertelsmann setzt auf UMTS. "Im Augenblick ist M-Commerce noch ein Nischengeschäft.", erklärte Sarfeld. Das werde sich in zwei bis zweieinhalb Jahren mit der Einführung von UMTS ändern. Auch die Corporate-Venture-Beteiligungsgesellschaft Holtzbrinck Networxs AG zeigt sich optimistisch: "Mit der Einführung von GPRS und UMTS sind die Rahmenbedingungen günstig, da die Wirtschaft erstmals mit einheitlichen Übertragungsstandards arbeiten kann," erklärte Firmensprecherin Edith Rayner.

Branchenkenner schätzen den Umsatz des Buchhandels über Internet, Notebooks und Handys in diesem Jahr auf mehr als 200 Mill. DM.

Bei Amazon begann der Vorstoß ins M-Commerce Geschäft bereits Ende 1999. Amazon Anywhere, die interne Abteilung für M-Commerce-Strategie, ging Partnerschaften mit großen Mobilfunkanbietern ein. Sie sollten die Amazon-Webseite bei Mobilfunkdiensten vermarkten. Amazon Anywhere sollte sogar als selbstständiges Unternehmen etabliert werden. Doch es kam alles anders. Bis Ende Januar dieses Jahres, als Amazon Stellen strich, um wieder in die Gewinnzone zu kommen, war der Großteil des Entwicklungsteams Amazon Anywhere schon wieder gegangen. Ursprünglich hatten rund 30 Mitarbeiter zu dem Team gehört.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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