American View
10 000 Anwälte für einen Präsidenten

Morgen wählen wir einen Präsidenten. Und übermorgen erkämpfen die Anwälte, wer gewonnen hat. Warum auch nicht? Schließlich haben wir es zugelassen, dass Anwälte so ziemlich alles im amerikanischen Alltag ruinieren – vom Arztbesuch übers Beten bis hin zum McDonald’s-Genuss.

Morgen wählen wir einen Präsidenten. Und übermorgen erkämpfen die Anwälte, wer gewonnen hat. Warum auch nicht? Schließlich haben wir es zugelassen, dass Anwälte so ziemlich alles im amerikanischen Alltag ruinieren - vom Arztbesuch übers Beten bis hin zum McDonald?s-Genuss. Da können die Anwälte auch gleich unser politisches System zu Grunde richten.

"Wir haben 10 000 Anwälte draußen auf dem Schlachtfeld, und täglich werden es mehr", prahlt der Chef der Anwälte-Armee, die allein für Kerry die Wahlen in Florida und Ohio und in anderen Staaten beobachten, wo noch genügend frei denkende Menschen leben, um den Wahlausgang knapp und spannend zu machen. "Unsere Kampftruppen sind bestens vorbereitet, diese beiden Kriege parallel zu führen", sagt Demokraten-Berater Bob Bauer. "Kampftruppen"? "Kriege"? Bei so viel Entschlossenheit bleibt uns nur, dies mit der Haltung hinzunehmen, die wir uns inzwischen angewöhnt haben: "Just sue, baby!" - im Zweifel immer verklagen!

Hinter der Armee von Anwälten mit der Lizenz, Wahlergebnisse zu zerschlagen, arbeitet zudem ein Heer rechtswissenschaftlicher Laufburschen und Waffenträger. Angeblich unparteiische Organisationen haben angekündigt, mit Analysten und Wahlbeobachtern jegliche Probleme bei der Wählerregistrierung und der Stimmabgabe zu sammeln. Es reicht eben nicht, dass das Justizministerium 840 Beamte plus 250 Zivilangestellte quer durchs Land jagt, um "wahlbezogene Bürgerrechte" zu schützen.

Natürlich sitzen auch auf Republikaner-Seite die Anwälte schon in den Startlöchern, um sofort mit einer Gegenklage zurückzuschießen, sobald Kerrys Anwälte ihre Anklage abgeschickt haben. Denn die Anklage ist keine Frage des "Ob", sondern nur eine Frage des "Wann" und "Wie begründet". Wir aus dem niederen Wahlvolk geben mit unserer Stimme nur noch eine Zeugenaussage ab - entweder für die Anklage oder die Verteidigung in der gigantischen Rechtsschlacht, zu der die Wahlen mutiert sind.

Die republikanischen Strategen erwarten die Offensive der Kerry- Anwälte am Mittwochmorgen, und zwar an zwei Fronten: Erstens in Staaten mit knappem Wahlausgang; zweitens innerhalb dieser Staaten auf Bezirksebene, in Bezirken mit hohem Minoritätenanteil. Wo auch immer das Wahlergebnis knapp ausfällt, werden die Demokraten-Anwälte Anklage erheben. Sie hoffen darauf, dass ein sympathisierender Richter Kerry den Staat zusprechen wird. Dagegen würden zwar die Republikaner in die Berufung gehen, doch die Kerry-Strategen hoffen, dass der Oberste Gerichtshof eine Wiederauflage des Bush- gegen-Gore-Dramas unbedingt vermeiden will, und daher die Berufungsverfahren der Republikaner am liebsten gar nicht erst annehmen wird. Liberale Rechtsgelehrte haben die Richter schon mürbe gemacht, indem sie das berühmte Urteil des Obersten Gerichts, das vor vier Jahren Bush den Sieg brachte, als "korrupteste Entscheidung in der Geschichte des Obersten Gerichts" brandmarkten. Scheut das oberste Gericht das Schlachtfeld, dann könnten Urteile niederer Instanzen Bestand haben. Nun kommt es nur noch darauf an, sympathisierende Richter zu finden. Kein Problem: Wenn die Demokraten in zwölf Staaten klagen, wird sich irgendwo schon ein Sympathisant finden.

Das "Gettysburg 2004" - das Equivalent zur entscheidenden Schlacht im US-Bürgerkrieg 1863 - wird allen Erwartungen nach in Ohio liegen. Denn hier wird noch mit Lochkarten gewählt, obwohl das System vor vier Jahren so kläglich versagt hat. Kann irgendjemand diesem peinlichen Krieg der Anwälte ein Ende machen? Ein Wahlrechtsexperte gab mir eine klare Antwort: "Nein."

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