American View
Bushs Wankelmut ist Kerrys Glück

Eigentlich wollte George Bush seinen Herausforderer John Kerry im ersten von drei Fernseh-Duellen so richtig vorführen. Doch daraus ist nichts geworden. Die Strategie Bushs hat nicht gegriffen.

Eigentlich wollte George Bush seinen Herausforderer John Kerry im ersten von drei Fernseh-Duellen so richtig vorführen: Sein Unterhändler James Baker hatte für ihn mit dem Kerry-Team und den großen Fernsehsendern als Thema für die Auftakt-Debatte die Außenpolitik ausgehandelt. Im Gegenzug hatten sie eingewilligt, dass Kerry die drei gewünschten Fernsehduelle bekam - die Republikaner wollten weniger debattieren.

Mit dieser Themenwahl hatte das Bush-Team einen Sieg sicher geglaubt, Außenpolitik galt bisher als Achilles-Ferse Kerrys: schwach beim Thema Terror-Gefahr für Amerika, wankelmütig gegenüber dem Irak-Krieg, denn Kerry kritisiert den Krieg als falsch, obwohl er als Senator selbst den Präsidenten zur Führung dieses Krieges autorisiert hatte.

Die Rechnung, Kerry gleich zu Beginn einen schweren Stand zu bereiten, ging nicht auf. Kerrys Fernsehauftritt am vergangenen Donnerstag war überraschend stark, Bushs dagegen schwach. Bushs Anhänger betonen gerne sein Führungsformat, das ihm selbst Gegner mit viel Ironie bescheinigen: Stärke - selbst im Irrtum. Doch in der Debatte wirkte diese vermeintliche Stärke wie Sturheit: Man dürfe seine Politik nie ändern, sonst verspiele man den globalen Führungsanspruch. Das überzeugte die Zuschauer nicht. Die Ergebnisse der Meinungsumfragen veränderten sich, wenn auch nicht überwältigend, zugunsten Kerrys.

Allein die Fakten strafen den Präsidenten Lügen: In Punkto nationale Sicherheit agiert Präsident Bush widersprüchlich und unentschlossen. Heuchlerisch und wahnwitzig versucht der Präsident, die veränderte Wirklichkeit des Irak-Krieges schön zu reden. Ein Beispiel: Der Exilführer Achmed Chalabi wurde als eine Art irakischer George Washington hofiert, durfte bei Bushs Rede zur Lage der Nation neben der First Lady sitzen. Inzwischen sitzt er wegen Betrugsverdachts auf US-Drängen in Haft.

Bush ist es nicht gelungen, Kerry als wankelmütigen "Flip- Flopper" in Sachen Irak-Krieg vorzuführen: Auf den Vorwurf, Kerry habe im Senat dem US-Präsidenten selbst die Autorisierung für den Irak-Krieg erteilt, erklärte Kerry, es sei damals wichtig gewesen, dem US-Präsidenten die nötige Glaubwürdigkeit für den Aufbau einer globalen Anti-Terror-Politik zu verleihen. Dies habe aber nicht bedeutet, einen Krieg mit falscher Begründung zu führen, meinte er in Anspielung auf die Massenvernichtungswaffen.

Der Präsident muss sich den Vorwurf gefallen lassen, wankelmütig zu sein: Seit seiner Erklärung zur "Achse des Bösen" pendelt Bush zwischen Drohversuchen gegenüber dem Irak und Schmeichelversuchen gegenüber Teheran. Gegenüber Nordkorea fehlt eine Strategie für das Nuklear-Problem, während Hilfe für die Sechser-Gespräche angeboten wird.

Und dann ist da noch immer Bushs Unentschlossenheit gegenüber Osama bin Laden. Eine Woche nach den Anschlägen des 11. September hatte er ihn zum Feind Nummer Eins erklärt, um sechs Monate später zu erklären: "Ich denke nicht viel über Osama bin Laden nach - ich bin wirklich nicht so beunruhigt über ihn." Derweil hat Bin Laden die USA drei Jahre lang an der Nase herumgeführt, ist ein Volksheld in der muslimischen Welt. Jetzt, im Herbst, fühlt Sherriff Bush sich offenbar wieder zuständig und hat Pakistan verdonnert, alles stehen und liegen zu lassen, um Bin Laden zu finden - und zwar noch vor den Wahlen.

Zwei weitere Debatte folgen. Man darf sich schon auf das Duell zur Wirtschaft freuen, wenn Bush Protektionismus attackieren und Freihandel geloben wird. Dann möge man sich nur an die Zölle auf Stahlimporte, kanadisches Holz und Zucker erinnern - alles während der Bush-Regierung, der wahrscheinlich protektionistischsten Regierung seit Herbert Hoover.

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