American View
Der Irrtum der Europäer

Eine „Allianz“ ist laut Wörterbuch ein Bündnis, das für die gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder eintritt. Außer der Kameradschaftsseligkeit, die beim Nato-Gipfel in Istanbul zur Schau gestellt wird, hat die transatlantische Allianz in den vergangenen zwei Jahren aber wenig Beweise dafür geliefert, dass sie dieses Bündniskriterium erfüllt.

Eine "Allianz" ist laut Wörterbuch ein Bündnis, das für die gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder eintritt. Außer der Kameradschaftsseligkeit, die beim Nato-Gipfel in Istanbul zur Schau gestellt wird, hat die transatlantische Allianz in den vergangenen zwei Jahren aber wenig Beweise dafür geliefert, dass sie dieses Bündniskriterium erfüllt.

Nun klopft man sich auf die Schulter, dass die Europäer die Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte übernehmen - und Deutsche und Franzosen glauben tatsächlich, dass ihnen dies ohne eigene Soldaten vor Ort gelingen wird. Wenn das alles ist, was die USA von den Alliierten an Hilfe zu erwarten haben, dann ist es Zeit, das Bündnis zu überdenken.

Deutsche und Franzosen begründen die mäßige Hilfsbereitschaft damit, dass Uneinigkeit mit den USA über die "gemeinsamen Interessen" bestehe. Doch die aufrichtigere Erklärung ist, dass Amerika es den Europäern mit seinem Schutzschirm lange Jahre lang leicht gemacht hat, ihre Verteidigung zu vernachlässigen. Selbst wenn es einen transatlantischen Konsens gäbe, hätten die Europäer wenig Hilfe beizusteuern.

Das zeigt sich in Afghanistan, wo die Verbündeten einen miserablen Beitrag leisten. Die eigentlichen Kämpfe werden noch immer von den rund 20 000 US-geführten Soldaten außerhalb des Nato-Befehls bestritten. Dabei war das einzige, worum Washington die Allianz gebeten hatte, Hilfe bei der Friedenserhaltung und beim Wiederaufbau Afghanistans. Hierfür bekam die Nato gerade einmal 6 500 Soldaten zusammen, die meisten im relativ sicheren Kabul.

Das Versprechen, die Nato-Präsenz auf ganz Afghanistan auszudehnen, wurde nicht erfüllt. Denn die Regierungen gaben nur unzureichend Soldaten und Material frei. Sie lassen den Generalsekretär betteln - um jeden Hubschrauber, jeden Panzer. Deutschland betont, es läge keineswegs am mangelnden politischen Willen, wenn es seine Afghanistan-Präsenz (2 000 Soldaten) nicht aufstockt. Vielmehr stoße die Bundeswehr mit ihren Auslands-Einsätzen im Balkan an die Kapazitätsgrenze. Doch seien wir ehrlich: Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bei 7 500 Soldaten im Ausland ihre Kapazitätsgrenze erreicht - und wir reden nicht einmal von Kampfeinsätzen - wie soll man diesen miserablen Zustand anders erklären als mit mangelndem politischen Willen?

Dieser Wille lässt sich in Zahlen messen: Die USA gaben im vergangenen Jahr pro US- Bürger 1 171 Euro für Verteidigung aus. Frankreich investierte 481 Euro pro Kopf, Deutschland nur 271 Euro. Dabei ist Frankreich wenigstens noch einigermaßen auf Auslandseinsätze vorbereitet und hat 15 000 Soldaten draußen. Doch davon sind nur 700 in Afghanistan, aber 4 000 an der Elfenbeinküste. Das spricht Bände über die Diskrepanz zwischen französischen und US-Interessen. All dies sollte jenen Politikern zu denken geben, die das Mantra vom "Multilateralismus" predigen. John Kerry fordert, der Nato eine größere Rolle im Irak zu geben. Das würde George W. Bush ja auch gerne tun - wenn die Europäer nur wollten.

Noch keinen Monat ist es her, dass Amerikaner und Europäer in der Normandie die US-Soldaten ehrten, die 1944 ihr Leben für Europas Befreiung gaben. Seit dem haben US-Steuerzahler den Großteil der Rechnung für Europas Sicherheit beglichen. Zuletzt kämpften US-Soldaten auf dem Balkan. Irgendwie scheinen die Europäer zu glauben, dass Amerika all dies auch in Zukunft leisten wird - egal, wie Europa sich verhält. Wie sehr sie sich doch irren.

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