American View
"Deutschland muss amerikanischer werden"

Während anderswo die Thatcher- und Reagan-Revolutionen rollten, tanzte Deutschland dem alten Adam Smith auf der Nase herum. Während die USA und Großbritannien sich auf Steuersenkungen, Deregulierung und harte Arbeit konzentrierten, erfüllten die Gewerkschaftsführer in Deutschland sich ihren Traum von einer „Freizeitgesellschaft“.

An den Frühsommer 1984 denken die Gewerkschaften heute noch gern zurück: Im Mai und Juni leuchteten überall lustige Aufkleber mit einer lachenden 35-Stunden-Sonne. Zu Hunderttausenden demonstrierten die Leute für die Verkürzung der Arbeitszeit - bei vollem Lohnausgleich, versteht sich. Rund 70 000 Arbeiter legten die Arbeit nieder, während Arbeitgeber 130 000 aussperrten, bevor sie schließlich aufgaben und die verkürzte Arbeitswoche akzeptierten. Ohne Lohnausgleich, versteht sich.

Während anderswo die Thatcher- und Reagan-Revolutionen rollten, tanzte Deutschland dem alten Adam Smith auf der Nase herum. Während die USA und Großbritannien sich auf Steuersenkungen, Deregulierung und harte Arbeit konzentrierten, erfüllten die Gewerkschaftsführer in Deutschland sich ihren Traum von einer "Freizeitgesellschaft". Auf wunderbare Weise wollten sie mit der Verkürzung der Wochenarbeitszeit - einer Art gigantischem Job-Sharing-Programm - die "Humanisierung der Arbeit" herbeiführen.

Doch leider ging die Rechnung nicht auf: Wenn man den Leuten den selben Lohn für weniger Arbeit zahlen muss, bleibt weniger Geld übrig - nicht mehr. Steigende Arbeitslosigkeit und Steuern bei stagnierender Wirtschaft zwangen die konservative Regierung, immer mehr Schulden anzuhäufen, um den Wohlfahrtsstaat zu finanzieren. Trotz der offensichtlichen Probleme blieb die 35-Stunden-Woche tabu. Bis jetzt.

Zwanzig Jahre nach 1984 ist der Frühsommer der Gewerkschaften zu Ende. Anstatt zum Generalstreik zu blasen, akzeptieren die Arbeitnehmervertreter eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit. Zunächst brach Siemens in zwei Werken, dann Daimler-Chrysler in Sindelfingen aus dem 35-Stunden-Rahmen aus. Noch sprechen die Gewerkschaften sich Mut zu: "Wir dürfen jetzt nicht das Stalltor für alle anderen öffnen, so dass wir am Ende landesweit die 40-Stunden- Woche haben", sagte Gewerkschaftschef Jürgen Peters.

Doch die Herde ist längst in Bewegung: Rund einhundert Unternehmen wollen jetzt in die gleiche Richtung verhandeln, darunter Schwergewichte wie MAN, Philips und die Deutsche Bahn. Karstadt greift sogar gleich nach der 42-Stunden-Woche.

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