American View - Gastkommentar
"Wir brauchen einen öffentlichen Aufschrei"

Die Welt ist in diesem Monat Zeuge eines schrecklichen Mordes an Nicholas Berg, einem jungen Amerikaner im Irak, geworden. Vor zwei Jahren wurde mein Sohn Daniel, ein Reporter des Wall Street Journals, Opfer eines ähnlichen Verbrechens. Im Gedenken an Daniel, der zu Lebzeiten stets Vermittler und Versöhner war, richte ich einen persönlichen Appell an seine vielen Freunde in der muslimischen Welt.

Mein Appell richtet sich auch an all jene, die die Seelen der jungen, gläubigen Muslime für die Hoffnung wiedergewinnen können: An die Intellektuellen, denen es um Frieden und Modernisierung geht; an die Geistlichen, Mullahs und Imams, die beklagen, dass eine extremistische Minderheit sich den Islam zu eigen macht. Sie haben jetzt die Möglichkeit, ihrem Glauben zur Ehre zu dienen. Ich flehe Sie an: Schließen Sie sich jenen tapferen Muslimen an, die das Töten unschuldiger Menschen unmissverständlich verurteilen. Unterstützen Sie jene, die öffentlich Position beziehen, dass diese Morde kein Mittel sein dürfen, um auf Missstände hinzuweisen - egal, wie schlimm diese sein mögen.

Als Vater eines jungen Menschen, der die Schrecken der Gefangenschaft erleben musste, kann ich die Qualen nachempfinden, die die Angehörigen der in Abu Ghraib misshandelten Häftlinge durchlitten haben. Trotzdem appelliere ich an Sie, die intellektuellen Führer der muslimischen Gemeinschaft: Lassen Sie uns gemeinsam aus dem Teufelskreis gegenseitiger Vorwürfe ausbrechen. Statt beidseitiger Vergeltungsschläge sollten wir uns einen ehrenvollen Wettstreit um das bessere Menschenbild liefern. Dies kann gelingen, wenn wir die Verurteilung der Morde nicht den politischen Führern allein überlassen. An der Gesellschaftsbasis muss ein öffentlicher Aufschrei hörbar werden. Daher dränge ich den muslimischen Klerus, die Verbrechen als das zu verurteilen, was sie sind: Sünde und Blasphemie. Erinnern Sie Ihre Gläubigen daran, dass die Mörder von Nicholas Berg, Fabrizio Quattrocchi und Daniel Pearl von Allah selbst bestraft werden, so wie es geschrieben steht: "Zweifellos ist für sie das Feuer und sie sollen in dasselbe gejagt werden" (Koran 16).

Muslimische Geistliche können ihre Gemeinden sogar durch eine Fatwa mobilisieren und damit aktiv dazu beitragen, dass die Verbrecher gefasst und vor Gericht gestellt werden. Die Mörder von Daniel Pearl sind bis heute auf freiem Fuß.

Die amerikanische Öffentlichkeit hat auf die Gräueltaten in Abu Ghraib mit Empörung und Entschlossenheit reagiert. Auf diese Reaktion bin ich stolz, denn Selbstkritik ist Voraussetzung für Besserung. Diese Empörung sorgt dafür, dass meine Enkelkinder einmal in einer besseren Gesellschaft leben können. Auch Sie, die muslimischen Geistlichen, können die Zukunft Ihrer Enkelkinder gestalten, indem Sie Ihre ablehnende Haltung als öffentlichen Aufschrei der Empörung artikulieren.

Lassen Sie uns gemeinsam die Voraussetzungen für gegenseitigen Respekt schaffen und die wechselseitigen Vorwürfe überwinden.

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