American View
Mars und Venus – gemeinsam zum Erfolg verdammt

Vielleicht muss die Rollenverteilung zwischen Mars und Venus, Amerika und Europa, neu überdacht werden, sollte es tatsächlich gelingen, Iran von der Atombombe fern zu halten.

Vielleicht muss die Rollenverteilung zwischen Mars und Venus, Amerika und Europa, neu überdacht werden, sollte es tatsächlich gelingen, Iran von der Atombombe fern zu halten. Der Gedanke Robert Kagans, wonach die Europäer vom Planeten Venus kommen, die Amerikaner dagegen vom Mars, ist in den vergangenen Jahren oft bemüht worden. Und obwohl es nicht Kagans Absicht war, sahen sich viele Amerikaner dadurch bestätigt, dass die Europäer grundsätzlich Feiglinge ohne Rückgrat seien, und umgekehrt konnten Europäer hiermit die These stützen, dass die Amerikaner testosteron-gesteuerte Hegemonen seien.

Die Irak-Erfahrung hat diese Ansichten auf beiden Seiten verstärkt, auch wenn sie beide nicht der Wahrheit entsprechen. Deutsche und französische Soldaten in Afghanistan sowie britische, polnische und andere europäische Truppen im Irak beweisen, dass auch in Europa der Mars nicht abwesend ist.

Und umgekehrt hat aus europäischer Sicht auch die Venus in den USA ihren Einfluss: Während die Republikaner vom Mars zu kommen scheinen, sehen einige Europäer die Demokraten Venus-dominiert. Wenn es den transatlantischen Graben wirklich gibt, dann verläuft er offenbar nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern auch quer durch die Gesellschaften beiderseits des Ozeans.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash ordnet Europäer und Amerikaner nicht zwei Planeten zu, Mars und Venus, sondern ein und dem selben Gestirn mit Namen "die Freie Welt". Er warnt, dass uns wahrscheinlich nur 20 bis 30 Jahre bleiben, um die Welt nach unserer demokratischen, liberalen Vorstellung zu formen, bevor die politische und wirtschaftliche Dominanz des Westens schwindet.

Klar ist, dass Iran jetzt der transatlantische Lackmus-Test für die zweite Bush-Regierung ist: Der Testfall, ob die USA mit den Europäern zusammen eine der größten Herausforderungen unserer Zeit angehen können. Es geht um einen Staat, der den Besitz der Atombombe anstrebt und gleichzeitig Terror-Gruppen unterstützt.

Die Europäer müssen einsehen, dass ihre Iran-Politik von viel Zuckerbrot und wenig Peitsche allenfalls eine Verzögerung des iranischen Atombomben-Besitzes bringen wird. Iran hat der Troika (Deutschland-Frankreich-Großbritannien) lediglich die Aussetzung, nicht das Ende seines Atom-Programms versprochen. Wenn die europäische Troika in Washington und Teheran ernst genommen werden will, dann muss sie ein mächtigeres Arsenal ökonomischer und diplomatischer Sanktionen entwickeln für den Fall, dass Iran täuscht - wie er es in der Vergangenheit bereits ungestraft getan hat. Andernfalls werden die USA nur ihre Vermutung bestätigt sehen, dass die Europäer sich mit der Entstehung einer iranischen Atommacht abgefunden haben und nun mit ihr verdienen wollen.

Andererseits muss die Bush-Regierung zugeben, dass ihr Vorgehen in Iran noch weniger erreicht hat als das europäische. Einer erfolglosen Politik von Peitsche ohne Zuckerbrot folgte die Vernachlässigung Teherans (als alle Aufmerksamkeit dem Irak galt) und dann die ebenso erfolglose Unterstützung von Oppositionsgruppen, um einen Regimewechsel herbei zu führen.

Über das weitere Vorgehen ist die Bush-Regierung gespalten. Derweil spielt die Zeit für Iran. Kenneth Pollack, der frühere CIA-Analyst und Experte im US-Sicherheitsrat, sieht für die USA drei mögliche Strategien: Verhandlungen und Einbindung des Iran in internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation - ein Vorschlag, über den die Bush-Regierung genervt die Augen rollt. Die zweite Möglichkeit wäre eine besser koordinierte Zuckerbrot-und- Peitsche-Politik von USA, Europa, Japan und hoffentlich auch Russland und China. Sollte auch diese scheitern, bliebe als drittes nur eine wenig wünschenswerte Option: Iran bekäme seine Atomwaffen, der Westen verlöre Glaubwürdigkeit, während gleichzeitig sein Einfluss schwindet; weitere Staaten im Nahen Osten würden den Griff zu Atomwaffen wagen, und diese können früher oder später in die Hände von Terroristen gelangen.

Europäer und Amerikaner sind also zum Erfolg verdammt. Die Prüfung für die zweite Bush-Regierung liegt darin, ob Mars und Venus zusammen finden, um den Planeten "Freie Welt" zu retten.

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