American View
Von der Wichtigkeit eines „Ober-Bittstellers“

Es gibt Aufgaben, an denen lässt sich ein riesiges transatlantisches Problem wie in einem Brennglas ablesen. Der Nato-Oberbefehlshaber James Jones hat so eine Aufgabe. Sein Job ist kein geringerer, als die Nato militärisch auf neue Aufgaben umzustellen.

Das Terror-Problem wird in Europa einfach nicht ernst genug genommen. Noch immer sind nicht alle Alliierten vom Ausmaß der Bedrohung überzeugt. Trotz der Anschläge von Madrid, Istanbul und Marokko "operieren hier ziemlich viele Leute noch nach dem Motto: ?So was passiert bei uns nicht.? Und das ist beängstigend", sagt Jones. Rund die Hälfte der Nato - Staaten investiert kaum zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung - die Marke, die die Nato-Staaten sich gesetzt haben. Einzelne Mitgliedstaaten erzielen zwar Erfolge bei der Effizienzsteigerung ihrer Streitkräfte, doch diese Einsparungen werden lieber anderswo investiert.

Es stellt sich also die Frage, wessen Weckruf für die Allianz eher Gehör finden wird, dass die Gefahr real ist: Der eines rigorosen Generals Jones oder der von Terroristen mit einem neuen Angriff. Bisher jedenfalls war die Allianz zwar darin gut, institutionelle Veränderungen zu beschließen. Doch weniger gelingt es ihr, das Beschlossene in einem Tempo umzusetzen, das mit dem stets wechselnden Gesicht des Feindes mithalten kann. Immer wieder hat Jones in den vergangenen Monaten auf die Alliierten eingeredet, dass sie ihre politischen Versprechen für den Afghanistan-Einsatz einhalten. Inzwischen fühle er sich weniger als Oberbefehlshaber denn als "Oberbittsteller", scherzt er.

Ein paar Erfolge wurden immerhin erzielt: Die Schnelle Eingreiftruppe und ein ABC-Reaktionskommando stehen; Jones hat das Nato - Hauptquartier in Brüssel gestrafft, trotz der Eiszeit zwischen Paris und Washington zwei französische Zwei-Sterne-Generäle integriert und stillschweigend die militärischen Beziehungen verbessert.

Ein weiteres Problem des Oberbefehlshabers spricht Bände: Die "nationalen Vorbehalte", jene Einschränkungen, die Mitgliedstaaten bei der Bereitstellung von Soldaten für Nato-Einsätze machen. Diese Vorbehalte lähmen die Allianz und fordern einen hohen Preis, zuletzt beim Gewaltausbruch im Kosovo. 28 Menschen starben, 20 Kirchen verbrannten, und dass nur, weil manche Nato-Soldaten bei zivilen Unruhen nicht reagieren durften, andere bestimmte Gebäudearten nicht verteidigen und wieder andere sich nur in bestimmtem Radius vom Einsatzort bewegen durften. Um das Ausmaß der Beschränkungen deutlich zu machen, konfrontierte Jones die Nato-Botschafter mit einer Liste aller Vorbehalte jedes einzelnen Landes. Prompt gingen die Vorbehalte um 30 Prozent zurück.

Doch Jones will das Problem endgültig loswerden, indem er das System des Einsammelns von Truppen für Nato-Einsätze neu organisiert: Weg vom Bittsteller-Prinzip. Bevor die Nato Soldaten für einen Einsatz akzeptiert, will er die Vorbehalte prüfen und Soldaten in manchen Fällen mit einem "Nein Danke" zurück schicken. Anstelle des bisherigen Klinkenputzens will Jones eine Bedarfs- und Kostenaufstellung verschicken. Eine kleine Kulturrevolution - der Umbau eines Gentlemen-Clubs zu einem Kriegskommando, sagt er.

Der Umbau der Nato für ihre Aufgabe macht Jones vielleicht wichtiger als alle seine 14 Vorgänger, von Dwight Eisenhauer über Alexander Haig bis zu Wesley Clark. Denn wenn die USA aus dem Irak-Kapitel eine Lektion zu lernen haben, dann diese: Das Umwerben und Gewinnen der Alliierten ist ein kritischer und vernachlässigter Aspekt der US-Politik, ohne den die Nahost-Problematik überhaupt nicht angegangen werden kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%