American View
Wieso kann man noch Bush wählen?

Jetzt ist es offiziell: George W. Bush bringt ein Viertel der US- Wähler zum Wahnsinn. Dies ist der Anteil der Wähler, die seinen Herausforderer John Kerry allein deshalb wählen, um eine zweite Bush-Amtszeit zu verhindern.

Hierzu gehören immer mehr "Hard-Core"-Bush-Hasser: Sie können den Präsidenten nicht ausstehen, finden es unfassbar, dass er überhaupt ins Amt kommen konnte, und können noch weniger verstehen, dass irgendjemand ihn wieder wählen kann.

Diese Wähler stellen einige wichtige Fragen: Wieso eigentlich wählt überhaupt jemand George W. Bush? Die Antwort ist nicht nahe liegend: Bush fehlen ziemlich viele präsidiale Eigenschaften: mittelmäßiger Student, eine diffuse und wenig erfolgreiche Karriere als Geschäftsmann und ein sprunghafter politischer Werdegang - kein typisches Bewerberprofil für den höchsten Job im Land. Und er ist nicht einmal der smarteste Junge seiner Familie oder der mit der größten politischen Begabung. Das sprechen die meisten eher seinem Bruder "Jeb" zu, dem Gouverneur von Florida.

Aber irgendwie hat Bush zweimal die Führung in Texas und einmal die Präsidentschaft bekommen. Und es sieht danach aus, als könnte er auch diesmal mit einer knappen Mehrheit durchkommen. Offenbar finden Millionen von US-Bürgern ihn trotz eines mehr als kontroversen Irak-Krieges und einer umstrittenen Wirtschaftspolitik wählbar.

Warum? Politische Ideen spielen im US-Wahlkampf keine große Rolle mehr. Manche Analysten denken, dass nur noch 30 bis 40 Prozent der Wähler ihre Entscheidung danach richten. Mindestens genauso wichtig ist, wie wohl die Leute sich mit dem Kandidaten fühlen. Die Wähler wollen ihren Präsidenten mögen. Sie wollen einen, dessen Gesicht sie jeden Abend in ihrem Wohnzimmer auf dem Bildschirm ertragen können und damit etwas anfangen können. Und sie wollen glauben, dass der Präsident ihre moralischen Werte teilt. Ein Bush-Stratege fasst es kurz: Der Kandidat muss "zugänglich" sein.

Und das ist genau jener Faktor, der erklärt, warum so viele Amerikaner noch Bush wählen - trotz seiner Fehler. Diesen Aspekt hat Bush seinem Herausforderer Kerry einfach voraus. Nach einer Studie des Pew Research Centers finden 47 Prozent der Befragten Bush persönlich zugänglich, doch nur 36 Prozent sagen dies über Kerry. 50 Prozent der Befragten halten Bush für "auf dem Boden der Tatsachen stehend", aber nur 36 Prozent sehen Kerry dort. Wer ist ehrlich und glaubwürdig? Bush: 43 Prozent, Kerry: 35 Prozent. Zwar finden die Leute Bush auch dickköpfig und bockig - doch wenn dies nicht in Bush-Hass umschlägt, dann führt es dazu, dass die Leute ihm zutrauen, bei seinen Standpunkten zu bleiben.

Interessanterweise reichen Bush also genau jene Eigenschaften zum Vorteil, die die Bush-Hasser in den Wahnsinn treiben. Seine Sprache ist simpel, seine Emotionen sind sichtbar. Er künstelt nicht, zeigt, wenn er sauer ist, ebenso wenn er sich freut. Dieser unverstellte Blick reizt die Wähler, die Politiker für zu kantenlos und abgeleckt halten. Mit Kerry - smart und verdient - werden die Amerikaner einfach nicht warm.

Dieser Persönlichkeitsfaktor könnte in der Zielgeraden zur Präsidentschaftswahl noch größer werden. Die Wähler, denen es um Ideologien und Programme geht, sind längst zwischen den tief gespaltenen Lagern Bush und Kerry aufgeteilt. Die, die sich ihrer Gefühle noch nicht sicher sind - im wahrsten Sinne des Wortes - entscheiden nicht nach Ideologie. Hier zählt die Persönlichkeitsfrage. Doch noch ist nicht Wahltag. Drei große Fernsehdebatten bleiben uns noch, und die verändern die Gefühle der Wähler noch sehr. Und auf die Gefühle baut besonders Bush.

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