Amerika prüft Russlands Angebot
Moskau erwartet Zugeständnisse bei der Raketenabwehr

Moskau und Washington, die lange Zeit bei der Raketenabwehr über Kreuz lagen, sind plötzlich verstärkt auf der Suche nach Gemeinsamkeiten. Wenn der russische Außenminister Igor Iwanow am Mittwoch seinen Amtskollegen Colin Powell in der US-Hauptstadt besucht, hat er einige neue Vorschläge im Reisegepäck. Vor allem das Angebot, russische Geheimdienst-Informationen zu benutzen, dürfte die Amerikaner interessieren.

WASHINGTON. "Moskau wusste beispielweise im vergangenen Jahr genau, wo sich der saudiarabische Terrorist Osama bin Laden in Afghanistan aufhielt", erklärte der Sicherheitsexperte Philip Gordon von der Brookings Institution, einem angesehenen Think-Tank in Washington. "Außerdem ist der Kreml, der sich in einem langjährigen Krieg in Afghanistan verschlissen hat, an der Beseitigung des radikal-islamischen Taliban-Regimes interessiert", sagte Gebhard Schweigler von der Washingtoner Elite-Universität National War College. "Hier liegen Russland, Amerika und auch der Iran auf einer Linie. Moskaus Gewicht im Uno-Sicherheitsrat ist ein wichtiger Baustein in der US-Strategie, eine möglichst breite internationale Koalition zu schmieden."

Entscheidendes Interesse hat Washington an einem Stopp der Weitergabe von nuklearem, chemischem und biologischem Material. Der US-Staatssekretär im Außenministerium John Bolton machte am Montag bei seinem Besuch in Moskau deutlich, dass Russland jegliche Lieferungen von Atomtechnik an den Iran und andere als gefährlich eingestufte Staaten unterlassen solle. US-Experten warnen seit langem vor der Gefahr, dass russische Wissenschaftler ihr Know-how auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Das Albtraum-Szenario, dass "schmutzige Bomben" nuklearer, biologischer oder chemischer Art in die Hände von Terroristen gelangen, hat seit dem 11. September eine neue Dimension bekommen. "Die Anschläge von New York und Washington sind nur die Vorboten noch höherer terroristischer Risiken", betonte Gordon vom Brookings-Institut. "Die Terroristen haben ihren Willen zur massenhaften Zerstörung gezeigt, aber noch nicht ihre Fähigkeit."

Wie weit die Russen Zugeständnisse machen, hängt von der Entwicklung des US-Raketenabwehrschirms ab. "Moskau benutzt die aktuelle Krise als Hebel, um die Amerikaner zu Abstrichen bei 'Missile Defense' zu bewegen", meinte der Russland-Spezialist Jeffrey Gedmin vom American Enterprise Institute in Washington. Die jüngsten Signale deuten allerdings auf wenig Spielraum hin. "Die Attentate haben einen Ausstieg Amerikas aus dem ABM-Vertrag eher beschleunigt", sagte ein hoher Beamter der US-Administration. "Wenn die Terroristen Zugang zu Raketen hätten, würden sie sie auch benutzen. Wir brauchen daher einen flächendeckenden Abwehrschirm."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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