Amerikanische Firmen reagieren nach dem Ausstieg aus den Kyoto-Verhandlungen
In Chicago geht Klimaschutz an die Börse

Emissionen werden "tonnenweise" auf der neuen Klimaschutzbörse gehandelt. Unternehmen handeln die Rechte, ohne dass es gesetzlich erzwungen wäre.

DÜSSELDORF. Rein rechtlich bräuchten sich US-Unternehmen für Klimaschutz und Kyoto nicht weiter zu interessieren. Denn die US-Regierung unter GeorgeW. Bush zog sich vor zwei Jahren sang- und klanglos aus den Kyoto-Verhandlungen zurück.

Dennoch entsteht ausgerechnet in den USA eine neuartige elektronische Treibhausgas-Börse: die Chicago Climate Exchange. Dort können Unternehmen demnächst Emissionsrechte handeln. Die Gründer der Börse wollen beweisen, dass Klimaschutz auch ohne Regulierung von oben möglich ist und ein marktgerechter Ansatz den Ausstoß von Treibhausgasen verringern kann.

Die Stadt Chicago und insgesamt 13 Unternehmen - unter anderem der Autokonzern Ford Motor Corp., das Chemie-Unternehmen DuPont und der Handy-Hersteller Motorola Inc. - haben sich an dem Pilotprojekt beteiligt. Damit verpflichten sie sich freiwillig, ihre eigenen Emissionen der sechs im Kyoto-Abkommen festgelegten Gase in den kommenden vier Jahren um 1% jährlich zu senken. Als Grundwert gilt der Durchschnitt aus den Jahren 1998 bis 2002.

Um ihr Ziel zu erreichen, können die Unternehmen entweder selbst ihre Technologie umstellen und ihre Ausstöße reduzieren. Oder sie können sich in den elektronischen Handel der Climate Exchange einklicken. Dort können sie anderen Unternehmen, die so stark reduziert haben, dass sie die Maßgaben überschreiten, die Differenz abkaufen.

"In den USA haben viele Innovationen in der Privatwirtschaft begonnen und sind später vom öffentlichen Sektor übernommen worden", sagt der Gründer und Chef der neuen Börse, Richard Sandor. Mit dem Projekt will der Ökonom, der auch als "Vater der Financial Futures" bekannt ist, zeigen, dass der Handel mit Emissionsrechten funktioniert. Der Vorstandsvorsitzende der Environmental Financial Products hat schon vor mehr als zehn Jahren den Handel mit Schwefeldioxid-Emissionsrechten in den USA eingeführt.

"Die Chicago Climate Exchange gibt Unternehmen die Möglichkeit, den Handel mit Emissionsrechten zu lernen", erklärt er die Vorteile für Unternehmen, sich zu beteiligen. Da viele Unternehmen heute multinational sind, könnten ihnen diese Fähigkeiten in anderen Ländern später zugute kommen. Schließlich müssten auch der komplizierte Handel mit Emissionsrechten und die Buchführung von CO2-Werten geübt sein.

Ein weiterer Anreiz für teilnehmende Unternehmen sind die positiven Effekte auf Aktionäre. Denn immer mehr Investoren legen ihr Geld in Unternehmen an, die nachhaltig wirtschaften: "Zwei Billionen Dollar in Pensionsfonds werden nach Umweltkriterien überprüft. Investoren wollen vorausschauende Unternehmen", sagt Sandor. Der Dow Jones Sustainability Index ist ein Beleg dafür: In den Index werden nur Unternehmen aufgenommen, die nachhaltig wirtschaften. Sandor hofft, dass die Zahl der Mitglieder rasch steigen wird: Er steht derzeit mit 75 Unternehmen in Verhandlung.

Die neue Börse ist vollautomatisch und über das Internet mit Password zugänglich. Als Aufsicht gewann Sandor die anerkannte NASD (National Association of Securities Dealers), die Selbstregulierungsbehörde der US-Wertpapierhändler.

Gestückelt wird in Tonnen. Wie hoch die Preise steigen, ist noch unklar. Nach Angaben der Weltbank sind zwischen 1996 und 2002 weltweit insgesamt Rechte über 200 Millionen Tonnen Emissionen zu einem Preis von 1,5 US-$ und 2,5 US-$ gehandelt worden. Mit dem Näherrücken der Kyoto-Verpflichtungen würden die Preise jedoch stark steigen.

Zunächst dürfen nur Unternehmen in den USA, Kanada, Mexiko und als südamerikanische Ausnahme Brasilien an der Börse handeln. Aber erklärtes Ziel ist es, später auch andere Unternehmen etwa aus Europa zuzulassen. Schon heute können europäische Unternehmen die Emissionsrechte ihrer Töchter in den USA handeln.

Den zuweilen gehörten Vorwurf von Kritikern, dass Unternehmen sich mit der neuen Börse freikaufen können, beantwortet Sandor am liebsten mit einem Vergleich: "Ich frage sie dann: Wollen Sie Ihren Müll selber zur Müllkippe bringen oder jemanden dafür bezahlen, dass er es tut." Das Ziel sei, weltweit den Ausstoß bestimmter Gase zu verhindern. Wenn das durch Handel besser geht, weil andere Länder oder Unternehmen effizienter und mit weniger natürlichen Ressourcen produzieren, dann sei das doch zu begrüßen, sagt Sandor.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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