Amerikanische und britische Zivilisten verlassen das Emirat
Gelassen richtet sich Kuwait auf Krieg ein

Kuwait hat sich auf Amerikas Seite geschlagen und große Teile seines Territoriums zur Vorbereitung einer Invasion im Nachbarland zur Verfügung gestellt. Damit rückt das Emirat nach Kriegsausbruch ins Zentrum des Irak-Konflikts zwischen den USA und der arabischen Welt. Doch die Kuwaitis verlassen sich voll auf Washingtons Schutz.

HB KUWAIT-STADT. Mehr als 100 000 ausländische Soldaten hat Kuwait aufgenommen - und sich damit zu einem potenziellen Ziel für irakische Vergeltungsschläge nach dem Angriff der USA auf Bagdad gemacht. Doch in dem kleinen, aber reichen Emirat ist bislang wenig zu spüren von Kriegsangst oder gar Kriegshysterie. Die Kuwaitis vertrauen der Schwäche des irakischen Militärs und der Verteidigungskraft der amerikanischen und britischen Truppen.

Die haben aber offenbar eine andere Einschätzung des Gefahrenpotenzials: Sowohl die USA als auch Großbritannien - der wichtigste US-Verbündete - riefen am Montag ihre Bürger dringend auf, Kuwait zu verlassen. Die US-Regierung ordnete den Abzug aller "entbehrlichen" Diplomaten aus Kuwait, aber auch aus Israel und Syrien, an. Dagegen pflegen die Einheimischen einen eher lässigen Umgang mit dem Risiko. Vieles bleibt Symbolik, was sich in Kuwait in diesen Tagen als Zivilschutz bezeichnet. Vor den Hotels werden zwar nun die Autos mit Spürhunden kontrolliert, Schilder in den Straßen weisen auf Schutzräume hin, und an mancher Kreuzung sind hinter Sandsäcken Posten in Stellung gegangen. Tatsächlich aber rechnet kaum jemand mit einem ernsthaften militärischen Angriff des Iraks auf das hochgerüstete Land.

Das beste Beispiel für diese Haltung lieferte in diesen Tagen ein Beamter des Gesundheitsministeriums. In einem Seminar mit dem undramatischen Titel "Innere Sicherheit in Ausnahmesituationen" belehrte Ahmed Al-Shatti die Teilnehmer über Vorsichtsmaßnahmen im Falle eines Krieges. Er referierte dabei Altbekanntes und riet der Bevölkerung zum Beispiel, alle wichtigen Telefonnummern von Polizei, Ärzten und Verwandten bereitzuhalten, Fenster und Klimaanlagen abzudichten, genügend Wasserflaschen einzulagern, einen Feuerlöscher in Reichweite zu haben und auf aktuelle Radiodurchsagen zu achten. Auf die Frage, ob sich die Menschen Gasmasken kaufen sollten, zuckte Al-Shatti mit den Schultern. Nur jene, die unmittelbar bedroht seien oder die anderen helfen müssten, bräuchten einen Schutz gegen Gas. "Doch was jeder Einzelne macht, hängt natürlich von den individuellen Prioritäten ab", sagte der Beamte sibyllinisch.

Kuwaits Streitkräfte schwach

Der Beitrag der eigenen Streitkräfte bei der Abwehr einer Gefahr ist dabei eher bescheiden. Zwar hat die Regierung seit der irakischen Invasion 1990 ihre Verteidigungsausgaben auf rund 30 % des Budgets mehr als verfünffacht, doch gilt der Einsatzwert der etwa 16 000 Mann starken kuwaitischen Armee auf Grund personeller Engpässe als gering. Die Personalprobleme ergeben sich, weil immer weniger der 2,4 Millionen in dem Land lebenden Menschen noch "echte" Kuwaitis sind - derzeit lediglich 37 %. Die Bevölkerungsmehrheit stellen Ausländer etwa aus Ägypten, Bangladesch, Indien, Pakistan oder den Philippinen.

An der fehlenden Schlagkraft ändern auch die rund 10 000 Soldaten aus anderen Golfstaaten wie Bahrein, Katar, Saudi-Arabien und den Emiraten nichts, die als "Schilde der Halbinsel" Kuwait see- und landgestützte Verteidigungshilfe leisten sollen. Also verlassen sich die Kuwaitis auf die Abwehrstellungen der Amerikaner, die fast vollständigen Schutz garantieren sollen, und verweisen stolz auf einige eigene Patriot-Abwehrraketen.

Viel stärker als durch die irakische Armee könnte Kuwait indes durch Terroranschläge bedroht sein. Es gilt als durchaus möglich, dass islamistisch gesinnte Gruppen Anschläge gerade im Herzen des Standorts der amerikanischen Invasionstruppen verüben wollen. Auf diesem Weg könnten dann auch biologische und chemische Kampfstoffe verbreitet werden.

Wird die Kriegsgefahr verdrängt?

Manchem Beobachter ist deshalb die Einstellung der Kuwaitis gegenüber den realen Gefahren zu lax. Ein Beispiel dafür ist der Import ägyptischer Gasmasken aus Reifengummi, die defekte Filter hatten und schon lange auf Lager waren. Erst jetzt hat das Innenministerium den Fehler korrigiert und die ägyptischen Masken durch Produkte aus Südkorea ersetzt. Besondere Eile legten die Behörden bei der Umtauschaktion nicht an den Tag.

Die offensichtliche Indifferenz der Bevölkerung hat aber auch mit der lang anhaltenden Bedrohungssituation zu tun, in der sich das Land befindet. "Man spricht hier seit mindestens sechs Monaten vom Krieg", sagt die 26-jährige Amani, die als Buchhalterin arbeitet. Schon mehrfach sei der Krieg als unmittelbar bevorstehend angekündigt worden, aber bisher habe er nicht stattgefunden. "Vielleicht nehmen die Menschen deshalb die Gefahr einfach nicht mehr ernst", spekuliert sie. Amani selbst ist der Beweis dafür. Schon seit Wochen wolle sie sich eine Gasmaske kaufen, beteuert sie. "Doch ich bin noch nicht dazu gekommen."

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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