Amtsinhaber will Präsident in Frankreich bleiben
Chirac: Die Hoffung aller Le-Pen-Gegner

Viele Wähler in Frankreich werden sich bei der Präsidenten-Stichwahl am Sonntag nur deswegen für Jacques Chirac (69) entscheiden, weil sie einen Sieg Jean-Marie Le Pens (73) verhindern wollen.

Reuters PARIS. Der überraschende Einzug des Rechtsradikalen Le Pen in die Stichwahl ließ die Konservativen zusammenrücken und dürfte sogar Linke dazu bringen, Chirac zu wählen - wenn auch widerwillig. Die Frage, für welche Politik Chirac eigentlich steht, rückt dabei in den Hintergrund.

Die Laufbahn Chiracs ist von Drehungen und Wendungen gekennzeichnet. Als Student verkaufte er in den Straßen von Paris die Zeitung der Kommunistischen Partei, "L'Humanite". Doch schon wenig später trat er der ultra-nationalen Partei Algerie Francaise bei und kämpfte 1956/57 als Leutnant im Algerien-Krieg. Später wandelte er sich dann zum gemäßigten Gaullisten und leitete das Privatbüro des damaligen Ministerpräsidenten Georges Pompidou. Chirac gehörte der neo-gaullistischen UDR (Union der Demokraten für die Republik) an und war Anfang der 70er Jahre Landwirtschafts- und Innenminister.

Neo-gaullistische Plattform

1974 riss Chirac die alte gaullistische Bewegung auseinander und unterstützte den Modernisierer Valery Giscard d'Estaing im Präsidentschaftswahlkampf. Giscard gewann und machte Chirac, der ihm in seiner eigenen Amtszeit als Finanzminister als Staatssekretär gedient hatte, zum Ministerpräsidenten. Doch Chirac wandte seinem politischen Mentor bald den Rücken zu: Zum UDR-Generalsekretär gewählt formte er aus der Partei die RPR (Versammlung für die Republik) als seine eigene, neo-gaullistische Plattform.

1976 gab Chirac nach zunehmenden Differenzen mit Giscard sein Amt als Ministerpräsident auf und wurde im folgenden Jahr zum Bürgermeister von Paris gewählt. In dieser wichtigen Position wurde Chirac zur dominierenden Figur der politischen Rechten. 1981 trat er für das völlig zersplitterte neo-gaullistische Lager als Präsidentschaftskandidat an, schied aber schon im ersten Wahlgang aus. Sieger wurde der Sozialist Francois Mitterrand. Zwei Jahre später wurde Chirac als Bürgermeister von Paris wieder gewählt.

Belastende Schmiergeldaffäre

In die folgende Zeit fällt die Schmiergeldaffäre, die Chirac jetzt im Wahlkampf belastet. Ein damals führender RPR-Politiker sagt, die Partei habe Schmiergelder von Baufirmen angenommen und im Gegenzug lukrative Verträge im sozialen Wohnungsbau geschlossen. Chirac ist den Ermittlungen zufolge zwar nicht direkt in die Affäre verwickelt, doch wird ein ganzes Netz von Einflussnahme vermutet.

1986 siegte die RPR bei den Parlamentswahlen, Chirac wurde erneut Ministerpräsident und ging mit Mitterrand eine von Konflikten geprägte "cohabitation" ein. Zwei Jahre später trat Chirac zurück und kandidierte bei den Präsidentenwahlen erfolgslos erneut gegen Mitterrand.

Sieg über Jospin

Bei den Präsidentenwahlen sieben Jahre später siegte Chirac schließlich im zweiten Wahlgang gegen den Sozialisten Lionel Jospin. Seit Jospin 1997 Ministerpräsident wurde, arbeiten er und Chirac in der "cohabitation" zusammen, der von beiden Seiten wenig geliebten Kooperation zweier politischer Gegner.

Als Chirac im Februar seine Kandidatur bekannt gab, versprach er Reformen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, und kündigte Steuersenkungen an. Die Kriminalität soll entschieden bekämpft werden. Er sprach sich für eine Europäische Union als Föderation von Nationalstaaten mit jeweils großer Souveränität aus.

Kritiker sagen, Chiracs Ideen glichen oft denen von Personen, mit denen er gerade gesprochen habe. Für das richtige Image des 1,90 Meter großen Chirac sorgt seine Tochter Claude. Chirac wurde am 29. November 1932 geboten. Er ist seit 1956 mit der Artokratin Bernadette verheiratet und hat zwei Töchter.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%