An den Rentenmärkten pumpt sich die nächste Blase auf

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An den Rentenmärkten pumpt sich die nächste Blase auf

Experten halten Anleihen angesichts höherer Inflationsraten und steigender Staatsdefizite für überteuert.

NEW YORK. Sie wollten auch auf der sicheren Seite bleiben und haben ihr Portfolio mit Anleihen aufgefüllt? Wenn Sie sich nicht die Laune verderben lassen wollen, dann blättern Sie jetzt einfach um. Denn Experten sind alarmiert: "Der Rentenmarkt wird zusammenbrechen", sagt Carl Weinberg, Chef-Volkswirt bei der Wirtschaftsberatung High Frequency Economics in Valhalla im US-Bundesstaat New York. "Der Anleihemarkt ist extrem überteuert. Das ruft Erinnerungen an die Blase am Aktienmarkt hervor. Ich befürchte leider, dass wir hier genau diesselbe Korrektur erleben werden."

Seine Begründung ist einfach: Die Teuerung in der Eurozone steigt. Auslöser sind der Anstieg des Ölpreises in Dollar um etwa 65 Prozent binnen Jahresfrist, rigide Bedingungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt, wachsende Lohnstückkosten, und sich ausweitende Etatdefizite. Bis zum Jahresende wird die Inflation in der Eurozone vermutlich bei 2,5 bis drei Prozent liegen nach derzeit 2,3 Prozent, prophezeit Weinberg. In einem solchen Umfeld, so Weinberg, sollten die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen "normalerweise bei 5,5 bis sechs Prozent liegen". Stattdessen rentiert der Bund bei 4,02 Prozent und US-Treasurys liegen bei 3,97 Prozent.

Und warum hält dann jeder Geldmanager diese Titel, deren Rendite vielleicht gerade noch seine Großmutter zufrieden stellt? Die Besorgnis über die Bilanzierungsmethoden der Unternehmen, über fallende Aktienkurse, über zukünftige Terror-Attacken, über den Konflikt mit Irak, die schwachen Wachstumsprognosen, die Gefahr einer Deflation - diese Besorgnis steigert sich in Angst und Angst rechtfertigt den Kauf von Staatsanleihen.

Bis jetzt hat sich das Sicherheitsdenken ausgezahlt: Ab Anfang 2000 bis Ende 2002 haben Staatsbonds der Eurozone in lokaler Währung 24 Prozent, britische Staatspapiere 23 Prozent und US-Treasurys 35 Prozent abgeworfen, schreiben die Investmentbanker Lehman Brothers. Aktien haben dagegen im gleichen Zeitraum nach Angaben von MSCI in Euroland 51 Prozent, in Großbritannien 40 Prozent und in den USA 43 Prozent verloren.

Das Problem: Der Rentenmarkt wird nicht mehr länger als sicherer Hafen taugen, wenn der Krieg gegen Saddam Hussein erst einmal begonnen hat. Auch David Fuller, Stratege bei Stockcube Research Ltd. in London, erwartet dann einen Ausverkauf auf den weltweiten Bondmärkten. "Jeder hat jetzt Staatspapiere, und das Angebot wird noch zunehmen, weil die Regierungen mehr aufnehmen werden, um die Konjunktur anzukurbeln." Nach jüngsten Schätzungen der US-Regierung wird sich das amerikanische Etatdefizit in den nächsten fünf Jahren auf 1,08 Bill. Dollar belaufen. Davon entfällt der Rekordbetrag von 304 Mrd. Dollar allein auf dieses Jahr. Die vier größten Emittenten von Staatspapieren in der Eurozone - Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien - müssen in diesem Jahr Titel in der Rekordhöhe von 391 Mrd. Euro ablösen und damit 30 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen vier Jahre, stellt Morgan Stanley fest.

Insgesamt dürften die vier Länder Emissionen über fast 550 Mrd. Euro vornehmen nach 474 Mrd. Euro 2002. Fuller geht davon aus, dass ein wie auch immer herbeigeführter Regime-Wechsel in Bagdad zu Baisse-Deckungen am Aktienmarkt führen wird und zu Gewinnmitnahmen an den Anleihemärkten.

Krieg hin oder her, die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank habe zu einer Blase an den amerikanischen Rentenmärkten geführt, die jetzt bald platzen wird, sagt Michael Belkin, Präsident der Investmentmanager-Beratung Belkin Ltd. in Bainbridge Island.

"Die Unsicherheit könnte bleiben", entgegnet Jeremy Hale, Stratege für festverzinsliche Papiere von Gartmore Investment Management. Zwar seien die Bond-Renditen bezüglich Inflation, des Emissionsniveaus und des Wirtschaftswachstums relativ niedrig bewertet. "Aber der Markt lässt sich nicht an einem einzigen Szenario messen. Es gibt eine Reihe von Risiken, bei denen sich noch viel niedrigere Renditen einstellen könnten." Hale nennt zum Beispiel politische Unruhen im Nahen Osten nach einem Krieg, Anschläge durch das Terrornetzwerk Al-Quaida, "ob die USA einen neuen Feind finden" und die Deflationsängste in Amerika und Deutschland. "Die Zinsen dürften in zwölf Monaten wahrscheinlich höher sein, zunächst werden sie aber vermutlich noch einmal sinken", meint Hale.

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