An der Börse brauchen Anleger Strategie und Disziplin
Stimmungen und Gefühle sind kein Erfolgsrezept

Nicht wenige Anleger vernachlässigen Disziplin und Strategie bei der Geldanlage. Sie lassen sich von Stimmungen und Gefühlen leiten. Folge: Viele machen immer wieder die gleichen Fehler und zahlen am Ende stets drauf.

DÜSSELDORF. Auf den ersten Blick konnte an dem Investment eigentlich nichts schief gehen. Als Manfred Knaup (Name geändert) Anfang März bei zehn SAP-Vorzugsaktien jeweils zu knapp 950 Euro zugriff, galten die Anteile des Unternehmens als "sichere Bank". Der Softwarehersteller verwöhnte die Börse mit guten Nachrichten. Die Analysten überschlugen sich in ihren Kaufempfehlungen. Was also sollte schief gehen?

In den Tagen nach dem Kauf schnellte das Papier auch erwartungsgemäß auf 1 050 Euro, und der tägliche Blick auf den Kurszettel ging Knaup runter wie Öl. Im Überschwang der Gefühle konnte er es sich denn auch nicht verkneifen, mit seinem erfolgreichen Deal bei den Kameraden aus dem Handballverein etwas anzugeben. Doch dann schlug die Stimmung um. Die Aktie fiel auf 900 Euro zurück. Für Knaup zunächst kein Beinbruch. Schließlich konnte eine Marktschwäche wie im März an einem Schwergewicht wie SAP nicht spurlos vorbeigehen, und den persönlichen Verlust von 50 Euro hatte die Aktie in den Monaten davor locker in zwei oder drei Tagen wieder wettgemacht. Die Situation beunruhigte ihn zwar, aber seine Position mit Verlust zu verkaufen, kam nicht infrage. Schließlich wollte er nicht als Depp vor seinen Sportkameraden dastehen. Der Maschinenbauingenieur erklärte das Prinzip Hoffnung zur Strategie.

Bis Ende März fiel die SAP-Notierung auf rund 675 Euro. Korrekturen hatte der Hobbybörsianer auch schon im letzten Jahr am Neuen Markt erlebt - und deshalb griff er zu. Über 30 Prozent Verlust in einem Monat erschienen ihm als klare Übertreibung. Positiver Nebeneffekt: Durch die erneute Order von zehn Stück sank rein rechnerisch sein Einstiegskurs auf etwas über 810 Euro, auch wenn er damit in seinem Depot fast alles auf eine Karte setzte. Doch wenn die Aktie rund 20 Prozent zulegt, so sein Kalkül, käme er plus/minus null aus der Sache raus, und nach der rasanten Talfahrt lag eine solche technische Gegenreaktion quasi in der Luft. Sie kam tatsächlich und beförderte den Kurs der Softwareschmiede bis auf 750 Euro - zu wenig für den SAP-Aktionär. Er blieb engagiert und erlebte tatenlos, wie die Aktie danach übergangslos abstürzte.

Ausstieg im Tal der Tränen

Zur schlechten Stimmung am Markt kam auch noch die Hiobsbotschaft, dass SAP im ersten Quartal nur mit Mühe rote Zahlen vermeiden konnte. Wie paralysiert verfolgte Knaup von seinem Büro aus den rasanten Kurssturz. Seine üblichen Arbeiten blieben häufig unerledigt. Beim Handball hatte er eine vorübergehende "Verletzungspause" genommen. Ende Mai hielt er den Druck dann nicht mehr aus. Er zog die Notbremse und verkaufte seine 20 SAP-Anteile zu 570 Euro - zu früh, wie die aktuelle SAP-Notierung von 840 Euro (bereinigt um einen Aktiensplit am 26. Juni) zeigt.

Doch für Schadenfreude ist kein Platz. Die Mehrheit der Anleger verhält sich so oder so ähnlich wie Aktienfan Knaup. "Investoren sollten sich an der Börse nicht von Gerüchten oder Stimmungen mitreißen lassen", rät Anko Beldsnyder von ABN Amro. Der Fondsprofi, der seit einigen Jahren die Konkurrenz hinter sich lässt, hat gut reden. Kaum ein Anleger schafft es, bei Kauf oder Verkauf cool zu bleiben - egal, ob Profi oder Amateur.

Der Grund liegt für Thorsten Joerss, Direktor beim Brokerhaus Hornblower Fischer, auf der Hand: mangelnde Disziplin. "Die meisten haben keine durchdachte Strategie, wenn sie in eine Aktie ein- oder aussteigen. Da ist es fast logisch, dass sie sich von Emotionen leiten lassen."

Folge: Das konforme Verhalten der Masse führt zu immer wiederkehrenden Fehlermustern und Verzerrungen an der Börse. Die dadurch zu beobachtenden Phänomene erforschen Kapitalmarktwissenschaftler in der so genannten Behavioral Finance. Immer wieder stoßen sie dabei auf eine Verhaltensweise, die sich wie ein roter Faden durch das allzu menschliche Verhalten der Anleger zieht: Gewinne werden zu früh realisiert, Verluste werden unverhältnismäßig lange mitgeschleppt.

Der US-Professor Terrance Odean von der University of California zum Beispiel hat die Transaktionen auf rund 10 000 Depotkonten unter die Lupe genommen. Ergebnis: Die verkauften Aktien erzielen nach dem Verkauf höhere Renditen als die gekauften - unabhängig davon, ob das Depot von einem Profi oder Privatanleger gemanagt wurde. Verkauft wurden dabei überdurchschnittlich oft diejenigen Titel, die in den Tagen vorher gestiegen sind. Die Verliereraktien blieben dagegen unverhältnismäßig lange im Depot.

"Die Hoffnung sorgt dafür, dass wir an Dingen festhalten, die wir eigentlich nicht festhalten sollten", findet Joachim Goldberg, Direktor der Cognitrend GmbH, eine einfache Erklärung für dieses Verhaltensmuster. Goldberg, lange Zeit Analyst bei der Deutschen Bank, gilt hier zu Lande als Wegbereiter der Behavioral Finance.

Oft geraten die Anleger in eine regelrechte Psychofalle, wenn sich das Aktieninvestment nicht so entwickelt, wie ursprünglich erwartet. Die Mehrzahl leidet zum Beispiel unter Selbstüberschätzung, wenn es darum geht, das richtige Händchen bei der Aktienauswahl zu entwickeln und dabei auch noch den einigermaßen richtigen Zeitpunkt für Ein- und Ausstieg zu erwischen. "Vor allem, wer in einer längeren Hausse-Phase schon zwei oder drei erfolgreiche Transaktionen gemacht hat, fühlt sich schnell wie ein Aktiengott", weiß Goldberg - und Götter können bekanntermaßen nicht irren. Also halten sie zunächst auf Biegen und Brechen an ihrer Position fest. Nicht selten entwickeln sie dabei ein unbändiges Informationsbedürfnis - mit fatalem Effekt. Aus der Flut an Neuigkeiten werden nur diejenigen wahrgenommen, die zum eigenen "Szenario" passen.

Beispiel Euro: Wer diesseits des Atlantiks laut davon spricht, dass die Währung angemessen bewertet ist, gilt bereits als Hochverräter. Stattdessen "beten" europäische Notenbanker, Volkswirte und Analysten den Euro mit allen möglichen Argumenten förmlich nach oben. Dass der Markt in eine andere Richtung läuft, wird schlicht und ergreifend ignoriert. Dabei geben auch die Fachleute nur die Informationen wieder, die genau zu ihrem Szenario passen.

Druck der Selbstverpflichtung

Verluste werden auch deswegen zu lange ausgesessen, weil eine Fehlspekulation als persönliche Niederlage interpretiert wird. Die Wissenschaftler sprechen dabei vom Phänomen der "Selbstverpflichtung". Der Druck dieser Selbstverpflichtung ist umso größer, je mehr Zeugen der Anleger von der Transaktion erzählt hat. Anstatt die Kursentwicklung nüchtern zu analysieren, entscheidet deshalb der persönliche Einstandskurs über Wohl und Wehe der Anlegerseele. "Verluste werden dabei etwa zweieinhalb Mal so schwer bewertet wie Gewinne", weiß Cognitrend-Mitbegründer Goldberg. Folglich zieren sich die meisten Investoren, ihren Fehler offen einzugestehen und zu verkaufen.

"Merkwürdigerweise machen die meisten einen Unterschied zwischen Buch- und realisierten Verlusten", beobachtet Thorsten Joerss. "Dabei ist das im Endeffekt das gleiche." Interessanterweise ist zu beobachten, dass die Anleger bei Gewinnen ihre Einschätzung schnell korrigieren, um ihre Position mit gutem "Gewissen" zu verkaufen. "Das ursprüngliche Informationsmuster wird dann nicht selten auf den Kopf gestellt, um eine passende Begründung zu haben", sagt Goldberg.

Dagegen weiten sich Minuspositionen auch deswegen unkontrolliert aus, weil sich der Anleger vorher nicht klar gemacht hat, welchen Verlust er bereit ist, maximal zu tragen. "Man sollte sich deshalb von vornherein überlegen, ab welcher Kursmarke man aussteigt", rät Joerss. "Dies gilt für Gewinne und Verluste."

Solches Basiswissen will Joachim Goldberg Anlegern demnächst professionell in Seminaren vermitteln. Bis dahin arbeitet er weiter an Handelsprogrammen, die die emotional ausgelösten Fehlentwicklungen an der Börse auszunutzen versuchen. Dass ihn sein Fortbildungsangebot arbeitslos macht, weil sich dadurch mehr Investoren rational verhalten, glaubt er nicht. "Da mache ich mir keine Sorge", ist Goldberg zuversichtlich. "Die Umsetzung der Behavioral Finance tut so weh. Und en gros sind die Menschen nicht in der Lage, sich zu disziplinieren."

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