An der Börse ist der Mannheimer Baukonzern deutlich unterbewertet
Für die Sippenhaft bei Bilfinger Berger gibt es keinen Grund

Bau? Um Himmels Willen! Es reicht, sich im Alltag mit trägen Bauarbeitern herumschlagen zu müssen. Ins Aktiendepot muss die marode Branche nicht auch noch.

FRANKFURT/M. So denken viele Anleger. Die am Boden herumkriechenden Aktienkurse dokumentieren das. Die Scheu oder gar Aversion der Investoren ist verständlich. Ist doch das Umfeld für Bauaktien alles andere als solide. Die deutsche Bauwirtschaft steht vor ihrem achten Rezessionsjahr in Folge.

Aber auch die Bau-Konzerne selbst tragen eine Mitschuld an ihrem miesen Image bei vielen Anlegern. Baubilanzen gelten als schwer zu durchschauen, intransparenter noch als viele Versicherungs- und Bankbilanzen. Spektakuläre Pleiten wie etwa die des Traditionsunternehmens Philipp Holzmann haben das Vertrauen der Investoren in die Branche nicht gerade gestärkt.

Zugegeben: Das ist eine beachtliche Liste mit Argumenten, die gegen ein Investment in Bauaktien sprechen. Doch mindestens ebenso lang - wenn nicht sogar länger - ist die Liste der Chancen eines solchen Investments; vorausgesetzt, die Anleger beherzigen zwei Dinge: Sie sollten viel Geduld mitbringen, und sie müssen selektiv vorgehen.

Was wäre zum Beispiel mit Aktien von Bilfinger Berger? Vieles spricht für die Mannheimer. Seit seinem Amtsantritt hat Vorstandschef Herbert Bodner den Konzern stetig nach vorne gebracht. Penibel hat der gebürtige Österreicher die Sparten unter die Lupe genommen. Früher als die Konkurrenz hat Bilfinger die eigenen Kapazitäten im Inland zurückgefahren und das Auslandsgeschäft ausgebaut.

Heute konzentrieren sich die Mannheimer nur noch auf ausgewählte Projekte in Deutschland. Der Lohn: Bilfinger ist aus dem Schatten des deutlich größeren Konkurrenten Hochtief herausgetreten, längst nicht so abhängig von inländischen Konjunktur wie andere Baufirmen und einer der profitabelsten deutschen Baukonzerne.

Sicher: Solche Schlankheitskuren wirken immer nur eine begrenzte Zeit. Danach bewegt sich das Plus beim Ergebnis wieder auf Normalniveau zurück. Doch Bilfinger-Chef Bodner hat schon die nächste Runde der Schlankheitskur eingeläutet. Die Zahl der Niederlassungen im Inland soll reduziert werden, was voraussichtlich einige hundert Arbeitsplätze kosten wird.

Gleichzeitig hat der Österreicher zwei neue Geschäftsfelder aufgetan, die höhere Renditen als der klassische Bau versprechen. Gezielt hat Bodner die Dienstleistungen rund um den Bau forciert. Daneben sollen so genannte Betreibermodelle - dabei finanziert und errichtet ein Baukonzern nicht nur ein Projekt, er betreibt es auch über mehrere Jahre - neues Wachstum bringen. Zwar muss Bilfinger dabei mit Eigenkapital in Vorleistung treten. Doch geht die Rechnung des in Großbritannien oder Australien längst verbreiteten Modells auf. So kann eine beachtliche Rendite von 12 bis 16 % auf das eingesetzte Kapital die Bilanz aufbessern.

A propos Bilanzen: Die ist bei Bilfinger so robust wie bei kaum einem anderen Unternehmen der Branche. Rund 600 Millionen Euro haben die Mannheimer in ihrer Kasse. Rund 500 Millionen Euro aus dem 30%igen Aktienpaket des Heizungsbauers Buderus kommen noch hinzu. Bosch in Stuttgart hat bekanntlich bereits Interesse angemeldet. Dass der Bilfinger-Chef dieses Geld in der Bilanz schlummern lässt, statt es zügig zum Ausbau des Geschäftes zu nutzen, ist wohl das einzige, was Bodner zur Zeit vorgeworfen werden könnte - wären Übernahmen im Bau nicht so schwierig. Bislang jedenfalls hat Bodners Gründlichkeit Bilfinger vor einem derben Missgriff bewahrt.

Noch hat niemand die Chancen der Bilfinger-Aktie entdeckt. Schließlich ist das Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von rund 660 Mill. Euro nur wenig mehr wert als das gehaltene Buderus-Paket. Die Frage ist, wann sich Bilfinger aus der Sippenhaft der Baubranche an der Börse befreien kann? Am Ende wird aber die Zeit für den langfristigen Investor arbeiten.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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