Analogien mit vergangenen Konflikten sind mit Vorsicht zu genießen: Kriegsszenario der Analysten zu blauäugig

Analogien mit vergangenen Konflikten sind mit Vorsicht zu genießen
Kriegsszenario der Analysten zu blauäugig

Wann geht es los? Diese Frage treibt die Anleger an den internationalen Aktienmärkten um. Angesichts des fast unvermeidlich erscheinenden Irak-Kriegs lernen sie eine harte Lektion: Kaufe keine Aktien, bevor der Krieg nicht tatsächlich begonnen hat!

NEW YORK. Seit Wochen schon durchforsten die Investmentstrategen die Geschichtsbücher nach Anhaltspunkten, wie die Finanzmärkte reagieren werden. Doch allzu weit müssen sie gar nicht zurückblättern. Die irakische Invasion in Kuwait im August 1990 und der darauf folgende Golfkrieg in den ersten beiden Monaten 1991 ist so lange nicht her. Vom Tag vor der Invasion bis zum Beginn der alliierten Luftschläge Mitte Januar 1991 hatten die europäischen Aktienmärkte 23 % verloren. Aber ab Beginn der Luftangriffe bis zum Ende des Kriegs am 28. Februar 1991 legten Europas Börsen 18 % zu. Der S&P 500-Index verlor in diesen beiden Phasen zunächst elf, erholte sich dann aber um 16 %. Der Erdölpreis war während des Konflikts zunächst auf 41 Dollar je Barrel gestiegen nach vorher 15 Dollar. Bei Kriegsende lag er wieder bei 19 Dollar.

Und diesmal? Die Verunsicherung der Anleger wird noch zunehmen, prognostizieren die Investmentprofis. Die amerikanische Regierung wird die Invasion vermutlich um vier Wochen verschieben. So können sie ihre Truppen verstärken. Zudem bleibt dann Zeit, beim Uno-Sicherheitsrat einen Konsens für einen Angriff zu finden. Die zu erwartende stärkste diplomatische Reaktion - nämlich den Inspektoren mehr Zeit einzuräumen - sei die größte Gefahr. Denn sie bedeute erneute Ausweichmanöver, urteilt Hugh Hendry, Partner bei Odey Asset Management. "Das ist Gift für den Aktienmarkt. Er will eine Invasion und er will sie jetzt."

Im Vorfeld eines Angriffs könnte sich Erdöl auf 40 oder 50 Dollar pro Barrel verteuern, und die Aktienmärkte würden weiter nachgeben, warnt Michael Karagianis, Chefstratege von Aberdeen Asset Management. Sollte der Krieg tatsächlich beginnen, dann könnten sich die Investoren wieder vermehrt riskanteren Anlagen wie Aktien und Unternehmensanleihen zuwenden.

Wenn der Krieg schnell vorbei sei, dann sollte sich der Ölpreis bei etwa 20 Dollar je Barrel einpendeln und die Aktienmärkte könnten sich um zehn bis 15 % erholen. "Die Angst vor dem Krieg hat ihren Schaden schon angerichtet", meint auch Gary Dugan, Stratege für europäische Aktien bei JP Morgan. Er rät von Verkäufen ab und empfiehlt Investitionen in Indizes, die einen ganzen Markt abbilden, oder in Sektoren, die schon abgestraft worden seien, wie etwa der Finanzbereich oder Zykliker.

Doch Vorsicht vor zu großer Siegesgewissheit. Die meisten dieser optimistischen Szenarien gehen von einem kurzen, entscheidenden Schlag wie 1991 aus. Was die meisten Experten nicht einrechnen, ist die Möglichkeit neuer Terrorattacken oder eine anhaltende Teuerung beim Erdölpreis. Auch die Vorstellung, dass sich der Krieg auf andere Länder ausweiten könnte, oder dass US-Truppen Irak besetzen müssen, bleibt unberücksichtigt.

Unter den Pessimisten warnt Clive Mc Donnell, Stratege für europäische Aktien bei Standard & Poor?s: "Jeder weiß, dass die USA und Großbritannien militärisch so überlegen sind, dass sie jeden Krieg gegen Irak gewinnen werden. Allerdings haben jüngste Terroranschläge gezeigt, dass die Länder ohnmächtig sind, wenn es darum geht, einen versteckten Feind zu bekämpfen. Was die Anleger in Wirklichkeit nervös macht, ist der Domino-Effekt, den dieser Krieg auslösen könnte."

Politische Instabilität im Nahen Osten, die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen, geringe Verbraucherausgaben und Investitionen, sinkende Aussichten auf ein Wachstum der Wirtschaft und der Unternehmenserträge und vor allem fortgesetzte Unsicherheit seien nur einige der denkbaren Folgen. "Es ist unwahrscheinlich, dass sich wieder ein Marktzyklus einstellt wie nach dem Golfkrieg 1991. Die geopolitische und die wirtschaftliche Landschaft wird nach diesem Golfkrieg komplett anders aussehen." Mc Donnell rät daher, sich auf defensive Aktien wie Verbrauchsgütertitel zu verlegen. In Zeiten der Unsicherheit seien in diesem Sektor noch am ehesten Aufschläge zu erwarten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%