Analyse
Analysten sehen noch keine Trendwende beim Euro

Reuters FRANKFURT. Der Euro hat sich am Freitag von seinem am Vortag erreichten Rekordtief zum $ etwas erholt und nach den schwächer als erwartet ausgefallenen US-Arbeitsmarktdaten weiter an Boden gewonnen. Händler und Analysten sehen auf kurze Sicht jedoch keine Trendwende, auch wenn führende Notenbanker am Freitag erneut das Aufwärtspotenzial der Gemeinschaftswährung hervorhoben. Der Euro war nach der Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstagabend auf ein Rekordtief von 0,8837 $ gefallen und stieg am Freitag zunächst knapp über 89 US-Cents. Am Nachmittag legte er nach Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten auf Kurse um 0,8950 $ zu.

Händler begründen die schlechte Verfassung des Euro mit einem großen Mangel an Vertrauen in die Währung, die unter den Zweifeln an der Wirtschaftsentwicklung in der Euro-Zone leide.

Das US-Arbeitsministerium hatte um 14.30 Uhr MESZ mitgeteilt, die Zahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft sei im August um 105 000 gesunken und die Arbeitslosenquote im Juli sei auf 4,1 von 4,0 % gestiegen. Analysten hatten mit einem Zuwachs von 7 000 Stellen und einer unveränderten Quote gerechnet. Der $ schwächte sich daraufhin etwas ab, da dies als Indiz für eine Verlangsamung der Konjunktur in den USA gewertet wurde.

Nach Ansicht von Analysten und Vertretern der europäischen Institutionen wird die wirtschaftliche Dynamik in der Euro-Zone jedoch unterschätzt. Die Notenbankpräsidenten von Frankreich und Deutschland, Jean-Claude Trichet und Ernst Welteke, hoben am Rande einer Tagung im italienischen Cernobbio erneut das Aufwärtspotenzial des Euro hervor. Die Währung sei angesichts der guten Wirtschaftsdaten der Euro-Zone derzeit eklatant unterbewertet. EU-Währungskommissar Pedro Solbes sagte, das Wachstums in der Euro-Zone verlangsame sich nicht.

Aus Kreisen des Bundesfinanzministeriums in Berlin war unterdessen zu erfahren, dass die Finanzminister der Euro-Zone vor ihrer Tagung Ende nächster Woche womöglich eine Erklärung zum Euro-Kurs abgeben werden. In der Euro-Gruppe sind die elf Staaten der Euro-Zone und Griechenland, das den Euro 2001 einführt. Die Gruppe hatte erstmals bisher am 8. Mai, kurz nach einem Rekordtiefstand des Euro, zur Wechselkursentwicklung Stellung genommen.

Nach Ansicht von Analysten Frankurter Banken kann nur ein Zustrom von Direktinvestitionen in die Euro-Zone dem Euro auf die Beine helfen. Bislang fließt das Anlegerkapital stärker in die USA wegen höherer Gewinnaussichten in der anhaltend robusten amerikanischen Wirtschaft. Die Zins- und vor allem die Produktivitätsunterschiede zwischen den beiden Wirtschaftszonen hielten die Anleger vom Euro-Raum fern. Diese seien aber kleiner als angenommen, betonten die Analysten und verwiesen auf den August-Monatsbericht der Bundesbank. "Wir sind produktiver als manche glauben", sagte Ulrich Beckmann von Deutsche Bank Global Markets Research.

Die Bundesbank hatte in ihrem jüngsten Monatsbericht dargelegt, dass durch verschiedene statistische Berechnungsmethoden in Deutschland und den USA zum Beispiel die Ausrüstungsinvestitionen im EDV-Bereich in Deutschland unterzeichnet werden. So werde durch die amerikanische Berechnungsmethode in den USA zwischen 1992 und 1999 bei EDV-Gütern im Schnitt ein Wachstum von 40 %e festgestellt - in der Bundesrepublik dagegen nur von sechs Prozent. Lege man nicht die "vorsichtige" Methode des Statistischen Bundesamtes, sondern die US-Deflationierungsmethode an, so ergebe sich in Deutschland dagegen ein Jahresdurchschnitt von 27,5 %.

"Die Berechnungsmethode des Statistischen Bundesamtes ist ungünstiger als die amerikanische und vor allem sehr, sehr vorsichtig", sagte Beckmann. Uwe Angenendt, Chef-Volkswirt der BHF-Bank, hat weitergehende Berechnungen über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) angestellt und kommt zu dem Ergebnis: "Bezogen auf das BIP von 1999 bedeutete das einen Wachstumsunterschied von einem halben Prozentpunkt - also 2,0 % statt 1,5 %".

Anja Hochberg von der Hessischen Landesbank hält noch weitergehende Deregulierungen der Arbeits- und Gütermärkte in Deutschland für erforderlich. Einig waren sich die Experten in ihrem Lob der Steuerreform der Bundesregierung, die allerdings ihrer Meinung nach noch weiter hätte gehen können. Diese sowie die geplanten Steuerentlastungen in Italien und Frankreich seien der Stoff, aus dem ein festerer Euro gemacht werde.

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