Analyse
Auch der schlimmste Börsen-Kater vergeht

War alles nur eine Illusion? In den letzten ein bis zwei Jahren - und noch stärker in den vergangenen Monaten - sind viele Mythen entzaubert worden: die Börse als Geldmaschine, die Volksaktie als problemloses Massenprodukt, der Neue Markt als neues deutsches Wirtschaftswunder, die New Economy als Heilsbringer, das Internet als Quelle für unglaublich chancenreiche Geschäftsmodelle, die Weisheit der Aktienanalysten, die Seriosität der Wirtschaftsprüfer, die angeblich höhere Gewinndynamik und die besseren Börsenstandards der USA.

HB DÜSSELDORF. Die Reihe ließe sich mühelos noch verlängern. Auch in den politischen Raum spielt das Börsengeschehen hinein: Zwar dürfte wegen der fatalen Überalterung unserer Bevölkerung kaum jemand daran zweifeln, dass wir grundsätzlich mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge benötigen. Aber heute gelten dabei niedrigere Renditen als realistisch als noch vor wenigen Jahren. Viele Branchen und Berufe haben gelitten - in ihren Zahlen, aber auch in ihrer Glaubwürdigkeit: Die Banken gehören dazu, aber auch die Medien waren Teil des Börsenbooms und des Web-Zaubers; haben ihn mitgetragen, seine Überhitzung mitverursacht und sind damit in den heftigen Absturz verstrickt.

Nach dem Rausch folgt der Kater. Die Gewinne der Boomjahre sind weg. Viele Anleger, die zu spät gekommen sind, bleiben auf dicken Verlusten sitzen. Während in Europa das Aktienvermögen gegenüber den Ansprüchen aus staatlichen Versorgungswerken noch eine zweitrangige Rolle spielt, steht in den USA vielmehr die gesamte Lebensplanung auf dem Spiel. Außerdem folgen den Börsenverlusten noch mehr Verluste oder Gewinneinbrüche in den börsennahen Unternehmen und darauf der Abbau von Arbeitsplätzen.

Irrationale Zahlenspiele

Mit dem Abwärtsgleiten der Kurse verändert sich auch der theoretische Überbau des Börsengeschehens. Während des Booms wurde viel über ganz neue Bewertungsmaßstäbe philosophiert, zum Teil kamen auch ungewohnte Kennzahlen zur Anwendung, weil die alten zu deutliche Signale aussandten, die niemand sehen wollte. Nachdem zum Beispiel alle Direktbroker gemessen an den Gewinnen hoffnungslos überbewertet waren, verglich man die Aktien anhand der Bewertung pro Kunde und konnte damit, weit entrückt von jeglicher Realität, immer noch scheinbar rationale Zahlenspiele betreiben.

Aber auch der Niedergang der Aktien veränderte zunächst nicht die Wahrnehmung, dass auf lange Sicht Dividendenpapiere praktisch immer besser als andere Anlageformen abschneiden. Erst als der Bärenmarkt immer länger währte, geriet dieser in der Anlageberatung und im Finanzjournalismus bewährte und selten in Frage gestellte Grundsatz ins Wanken. Inzwischen werden Perioden und Märkte identifiziert, bei denen die Aktie keineswegs überlegen war. Dazu kommt die bange Überlegung, ob wir uns heute - nach dem langen Aufschwung - vielleicht genau in einer solchen Periode befinden.

Also noch einmal die Frage: War alles nur eine Illusion? Die Antwort lautet Nein. Auch der Kater, der dem Rausch folgt, vergeht wieder. Das Internet hat unser Leben schon verändert, und damit wird sich auch Geld verdienen lassen. Es ist nur keine Goldgrube, in die man schnell hineingreifen kann. Die Aktienbörse behält ihren Platz als Teil einer vernünftigen Altersvorsorge - aber eben nur als ein Teil unter mehreren. Das Thema Aktien wird daher dauerhaft für viele Menschen interessant bleiben - aber es ist nicht mehr ähnlich populär wie Fußball, Autos oder Fitness.

Pessimistische Theorien über Aktien gehören zu einem unteren Wendepunkt ebenso wie optimistische an den oberen. Die Börse ist immer dann besonders interessant, wenn keiner mehr von ihr redet. Denn dann sind die Kurse niedrig, und das Potenzial ist hoch. Sie ist dann besonders gefährlich, wenn alle von ihr reden - dann sind die Kurse hoch und das Potenzial ist gleich null, weil alle schon eingestiegen sind. Das heißt nicht, dass man in die Börsenschwäche einsteigen muss - schließlich weiß keiner, wie weit es noch hinunter geht. Aber es lohnt sich, das Thema weiter zu beobachten und irgendwann wieder Mut zu fassen.

Nie alles auf eine Karte setzen

Bei allem Auf und Ab bleibt eine Regel wichtig, die ständig zitiert, aber häufig nicht umgesetzt wird: Niemals zu viel auf eine Karte setzen. Das gilt nicht nur für die Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Immobilien. Das Thema hat viel mehr Facetten. Im Moment kommt es zum Beispiel sehr in Mode, statt einzelnen Aktien Indexzertifikate zu kaufen. Die Idee hat etwas für sich, weil diese Zertifikate in sich schon eine Streuung darstellen. Aber was ist, wenn die Indizes schwach bleiben oder auf der Stelle treten, obwohl viele einzelne Aktien steigen? Wenn sich herausstellen sollte, dass manche Indizes problematisch konstruiert sind und Marktveränderungen nicht nachvollzogen haben? Wenn die Emittenten der Zertifikate an Bonität verlieren? Deshalb bleibt es dabei: Auch die besten Ideen sind an der Börse immer nur ein Teil der Wahrheit.

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