Analyse
Börsenaktien gedeihen in der Flaute

Die Aktien von Börsen sind bei Anlegern noch wenig bekannt. Dabei haben die Papiere die Turbulenzen an den Kapitalmärkten erstaunlich robust gemeistert. Neben Euronext, die morgen Zahlen vorlegt, geben die Analysten vor allem der Deutschen Börse gute Noten. Doch die Aktie der Frankfurter ist mittlerweile recht teuer.

FRANKFURT. Vor gut einem Jahr debütierte die Deutsche Börse AG auf dem eigenen Parkett. Kurz darauf zogen die von Paris dominierte Euronext und die London Stock Exchange (LSE) nach - damit sind die drei größten europäischen Börsen selbst an der Börse. Der allgemeinen Aktienflaute zum Trotz hat sich das Trio recht wacker geschlagen. Die Deutsche Börse hat gegenüber dem Emissionpreis gut 45 % zugelegt, die LSE immerhin noch 15 %. Nur Euronext liegt um 12 % unter dem Emissionpreis.

Die relativ gute Performance hat selbst Experten überrascht. Es hat sich gezeigt, dass das Geschäftsmodell weniger stark von der allgemeinen Börsenstimmung abhängt als befürchtet. Zudem lebt nur noch London ausschließlich vom Aktienhandel. Frankfurt und Euronext verfügen zudem über ein umfangreiches Termingeschäft, mit dem sie Flauten im Kassahandel abfedern können. Diese breite Aufstellung findet bei Analysten Lob. "Unsere Favoriten sind Börsengesellschaften, die eine breite Umsatzdiversifizierung und damit geringe Anfälligkeit für volatile Kapitalmarktbewegungen aufweisen", meint Heiko Frantzen, Analyst von Sal. Oppenheim. Folgerichtig stuft er die Deutsche Börse und Euronext als "outperformer" ein, die LSE dagegen nur als neutral.

Auch JP Morgan traut den Börsen einiges zu. "Missverstanden und unterbewertet", seien die Börse bisher noch am Kapitalmarkt, meinen die Analysten. Mit dem Kauf von Börsenaktien könnten Investoren ähnlich wie mit Bankenwerten von der Entwicklung der Kapitalmärkte profitieren. Doch seien Börsen insofern risikoärmer, als sie keine Kreditrisiken in ihren Bilanzen haben, die derzeit den Banken großes Kopfzerbrechen bereiten. Ein Selbstläufer sind die Börsen allerdings auch nicht. Sollte das Wachstum der Kapitalmärkte hinter den Erwartungen zurückbleiben, hätten sie ein Problem. JP Morgan weist zudem auf die Gefahr hin, dass Banken und Broker Wertpapiergeschäfte künftig intern abwickeln könnten.

Deutsche Börse überraschte positiv

Besonders gut läuft derzeit die Aktie der Deutschen Börse mit einem Kursgewinn von gut 15 % seit Anfang Februar. Zwei Faktoren treiben den Titel. Zum einen übertrafen die Frankfurter im Jahr 2001 mit einem Anstieg des operativen Gewinns um 28 % die ohnehin hohen Erwartungen der Fachwelt. Die Börse habe gezeigt, "dass sie wegen der Diversifizierung des Geschäftsmodells auch in schwachen Zeiten wachsen kann", lobt Joachim Müller von JP Morgan. Zudem fädelte Börsenchef Werner Seifert die Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream ein. Damit rundet Frankfurt die Wertschöpfungskette vom Handel bis zur Abwicklung ab - nach Ansicht von Analysten ein geschickter Schachzug gegenüber London und Euronext.

Das Problem der Börsen-Aktie ist ihr hoher Kurs nach der Rally der vergangenen Wochen. So liegt das Kursziel von JP Morgan bei 49,9 - derzeit notiert der Wert bei 49 . Die Kursziele diverser anderer Banken bewegen sich in ähnlicher Höhe. Johannes Thormann von WestLB Panmure hält die Bewertung sogar schon seit längerem für "zu hoch" und siedelt den fairen Preis bei 39,5 an.

Während die Frankfurter aus dem Kreis der Konkurrenten durch die Integration von Handel und Abwicklung hervorstechen, setzt Euronext auf die Übernahme anderer Börsen. Der aus der Fusion von Paris, Holland und Belgien entstandene Handelsplatz verleibte sich kürzlich die portugiesische Börse und die britische Terminbörse Liffe ein. Dank Liffe sei Euronext im Termingeschäft ein "ernst zunehmender Konkurrent" der Deutsche-Börse-Tochter Eurex, meint Frantzen. Auch JP Morgan stuft Euronext als "Kauf" mit einem Kursziel von 24,50 ein - gegenüber dem aktuellen Kurs ein Potenzial von 17 %. Mit Spannung wartet die Finanzwelt auf die morgen fälligen Zahlen für 2001 - viele Analysten mokieren sich über die wenig aussagekräftige Kommunikation des Konzerns. Zudem läuft die Integration der einzelnen Börsen nicht immer reibungslos.

Schlechter als die Konkurrenz wird die LSE eingestuft, die manche Experten sogar als Übernahmekandidaten sehen. Die Briten haben zwar noch den größten Aktienmarkt in Europa, doch fehlt es an einer klaren Wachstumsstrategie. Nach Ansicht von Thormann leidet die LSE nicht nur unter der Lücke im Derivategeschäft. Zudem sei auch Euronext nach der Liffe-Übernahme am LSE-Heimatmarkt London vertreten und könnte womöglich das Aktiengeschäft an sich ziehen. Der aktuelle Kurs der LSE sei "nicht gerechtfertigt", meint Thormann, der die Aktie als "underperformer" einstuft.

Neben den drei Top-Börsen ist mit der schwedischen OM Gruppe noch ein vierter europäischer Börsenbetreiber am Aktienmarkt. Im Gegensatz zu den größeren Konkurrenten stammt bei OM ein beachtlicher Teil des Umsatzes aus dem Vertrieb von Börsen-- und Handelssystemen. Doch seit dem gescheiterten Versuch, die LSE zu schlucken, wurde es ruhig um die Schweden, denen unter anderem die Stockholmer Börse gehört. Ein Problem ist das Fiasko der mit hohen Vorschusslorbeeren bedachten Privatanlegerbörse Jiway. Nach Meinung von Analysten, die der Aktie überwiegend skeptisch gegenüber stehen, könnte OM das reine Börsengeschäft verkaufen und sich auf IT-Lösungen für die Finanzbranche fokussieren.

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