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Analyse: Bush muss Amerikas Sicherheitspolitik neu definieren

Der amerikanische Präsident steht vor seiner größten Bewährungsprobe. In der Stunde der Not ist er nicht am Ort des Geschehens.

Innerhalb von einer Stunde haben sich die Grundkoordinaten der Präsidentschaft von George W. Bush fundamental geändert. Die Probleme von gestern - schrumpfende Haushaltsüberschüsse, marodes Bildungswesen - sind heute vergleichsweise unbedeutend. Amerika ist geschockt, fassungslos und im Moment noch gelähmt. Der Terror hat die Nation tief ins Mark getroffen und blitzartig die Verwundbarkeit im eigenen Land vor Augen geführt. Der 11. September 2001 hat die Supermacht in eine bislang nicht für möglich gehaltene Situation gebracht: Es kann jeden jederzeit und überall treffen.

Nach den Angriffen auf das finanzielle und militärische Herz der USA fällt oft der Vergleich mit der Kamikaze-Attacke der Japaner auf Pearl Harbor 1941. Doch die Parallele ist schief. Präsident Franklin D. Roosevelt kannte seinen Feind und konnte die Nation mit Empörung, Entschlossenheit und Selbstvertrauen auf den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg vorbereiten. Bush weiß hingegen nicht, wo die Bedrohung exakt zu lokalisieren ist. Die Mehrheit der Sicherheitsexperten sieht in dem saudiarabischen Top-Terroristen Osama bin Laden den Drahtzieher der Anschläge. Doch die Perfektion und die chirurgische Präzision bei Planung und Ausführung der Anschläge weisen auf ein breites und mobiles Netz von Hintermännern hin.

Bush steht vor der bislang größten Herausforderung seiner Amtszeit. Mit dem 11. September ist er an einem jener sensiblen Scheidewege angelangt, die für Scheitern oder Erfolg einer Präsidentschaft ausschlaggebend sein können. Jimmy Carters Unfähigkeit, die Geiselkrise in Iran zu lösen, lähmte seine Regierung und kostete ihn am Ende 1980 das Weiße Haus. Bill Clinton dagegen schaffte es, nach dem Bombenanschlag von Oklahoma 1995 das Herz der Amerikaner zu erreichen. Es war der Beginn einer neuen Kommunikation mit der Bevölkerung, die der bis dahin angeschlagenen Administration den entscheidenden Schub gab.

Bushs Krisenmanagement fällt bis dato eher zurückhaltend aus. Zwar wurden die Sofortmaßnahmen wie Evakuierung von Regierungsgebäuden, Schließung von Schulen, Einstellung des Luftverkehrs schnell getroffen. Doch der Präsident war zum Zeitpunkt der Katastrophe weder physisch noch mental präsent. Die Nation, psychisch aufgewühlt und verletzt, wartete auf Worte des Trostes und auf eine Perspektive. Bush in Florida, Louisiana und Nebraska verbreitete das Bild eines Regierungschefs, der es versäumt, am Ort des Geschehens zu sein. Mit seiner sechsminütigen Fernsehansprache am Abend hat er eine große Chance verpasst, dem Schmerz einer verwundeten Nation mit dem notwendigen Feingefühl zu begegnen und gleichzeitig Selbstbewusstsein aufzubauen. Seine dürren Worte gaben kaum Richtungsweisung. Die zentrale Botschaft: Amerika unterscheide nicht zwischen Terroristen und denjenigen, die sie schützen.

Bush wollte mit diesem eher unterkühlten Auftritt den Eindruck von Panik vermeiden und Ruhe ausstrahlen. Doch er muss nun die Bühne betreten und führen. Die Voraussetzungen hierfür sind viel versprechend. Die Opposition in Washington schart sich um den Präsidenten wie zu allen Krisenzeiten. Die tiefen innenpolitischen Gräben und die zum Teil harsche Rhetorik der vergangenen Wochen sind im Moment vergessen. Es weht der Geist der Überparteilichkeit durch die Hallen des Kongresses. Dieses Klima muss Bush zügig nutzen, denn der Kampf gegen den Terror ist ein langer, mühsamer Prozess.

Auch die außenpolitischen Rahmenbedingungen sind günstig. Nach der Tragödie von New York und Washington gibt es eine Bereitschaft wie selten, dem internationalen Terror gemeinsam die Stirn zu bieten. Bush muss die Signale aufnehmen, bündeln und dann handeln. Es ist die goldene Gelegenheit, nach dem polternden Unilateralismus zu Beginn seiner Amtszeit eine neue Form des Multilateralismus zu entwickeln. Die USA würden ihre Führungsrolle als einzige Supermacht behalten, aber stärker die Konsenskarte spielen. Es wäre zugegebenermaßen eine Wende aus der Not geboren, aber langfristig der einzig Erfolg versprechende Weg.

Damit würde sich die Grundstatik der amerikanischen Außenpolitik ändern. Auch Bushs Lieblings-Projekt einer "Missile Defense" müsste auf den Prüfstand. Denn der Raketenabwehr-Schirm hilft nicht gegen Flugzeug-Entführungen und die ganze Terror-Palette aus "schmutzigen Bomben" und Kamikaze-Anschlägen.

Der Präsident muss Amerikas Sicherheit finanziell und konzeptionell auf neue Beine stellen. Der Aufbau von umfassenden Geheimdienst-Strukturen im In- und Ausland wird eine Menge Geld verschlingen. Bush wollte mit der großen Steuerreform und der Reaktivierung der Wirtschaft sein Meisterstück machen. Jetzt ist sein politisches Schicksal an den Kampf gegen den internationalen Terrorismus geknüpft. Die Geschichte schreibt ihre eigenen Drehbücher.

Bush sollte nun die Bühne betreten und die Nation führen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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