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Analyse: Das Schlaraffenland hat seinen Preis

Wirtschafts- und Finanzseiten im Internet haben in der Vergangenheit immer mehr Nutzer angelockt. Neue Angebote bis hin zu kostenlosen Realtime-Börsenkursen für jedermann und ohne Beschränkungen haben ihren Beitrag zur Popularität geleistet. Inzwischen können Privatinvestoren im Internet auf Analyse-Instrumente zurückgreifen, um die sie vor nicht allzu langer Zeit jeder Bankmitarbeiter beneidet hätte. Das Web entwickelte sich zur Wundertüte, Werbe-Einnahmen sollten die Kosten decken. Leider funktioniert das Geschäftsmodell nicht.

Nun sitzen vor allem Informationsanbieter auf hohen Kosten für einen Service, der sich für sie selten auszahlt. Unternehmen wie Teledata oder Onvista, die die Datenströme zu Bausteinen für Internetseiten bündeln, sind die lachenden Dritten.
Trotz immer neuer Angebote ist die Verweildauer auf den einzelnen Seiten tendenziell rückläufig. Manche Dienste schmerzen auch bei jedem Klick. So kostet eine Realtime-Kursabfrage 1 Eurocent. Müssen die Anbieter also abrüsten? Selbstverständlich auch das. Tatsächlich aber werden die Informationsanbieter dazu übergehen, sich die Wertschätzung ihres Angebotes nicht mehr länger nur in der Währung der Abrufzahlen auszahlen zu lassen. "Kostenfreie Angebote werden zurückgehen", sagt Patricia Neuhaus, Analystin bei Jupiter MMXI Europe voraus.

Nur mit der Beschränkung auf einen kostenlosen Basis-Service, der von der Mehrheit der Nutzer tatsächlich gebraucht wird, können die Medien zudem ihre Autonomie im Internet auf Dauer behalten. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Medienanbieter unabhängig bleiben können und gleichzeitig kostenlose Realtime-Kurse bereithalten", sagt Neuhaus. "Die Alternative sind Bündnisse mit den Banken."

In einer noch unveröffentlichten Analyse empfiehlt das Marktforschungsunternehmen daher, auf Instrumente, die für die Masse der Nutzer von geringem Interesse sind, zu verzichten. Ein Blick auf die Top-3-Seiten in Frankreich, Großbritannien und Deutschland zeigt im Übrigen, dass Medien, wenn es um nackte Abrufzahlen geht, mit den auf Transaktionen ausgelegten Seiten der Direktbanken und Finanzportale nicht mithalten können.

Auch in Zukunft werden die Daten der so genannten Applikations-Service-Betreiber ihre Abnehmer finden, sicherlich zunehmend auch im Ausland. Börsendaten haben sich einen festen Platz im Alltagsleben erobert und die Notwendigkeit, die eigene Rente aufzustocken, dürfte auch in mageren Börsenzeiten das Interesse am Wirtschaftsgeschehen so schnell nicht wieder erlahmen lassen. Die Bereitschaft aber, auch für exotische Dienste viel Geld auszugeben, ohne dass sich der Aufwand tatsächlich auszahlt, ist gesunken.

Schreiben Sie dem Autor: j.ohlendorf@vhb.de

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