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Analyse: Der argentinische Medienmarkt ist aufgeteilt

Es war im Jahr 1999, als John Muse von der US-Investment-Gruppe Hicks, Muse, Tate & Furst (HMT&F) bei einem Vortrag in der US-Universität Stanford auf die Frage eines Studenten, wo er derzeit sein Geld am liebsten anlegen wolle, antwortete: In Argentinien.

HB BUENOS AIRES. Das waren keine leeren Worte. Seit 1996 investierte die US-Gruppe etwa 2 Mrd. $ in Argentinien - insbesondere in den boomenden Medien-Sektor des Landes. 1998 übernahm HMT&F für 750 Mill. $ die Kontrolle über das argentinische Medien- und Telekom-Konglomerat welches wiederum einen Anteil von 36% am größten Kabelan-bieter des Landes, "Cablevision", besaß. 1999 übernahm die US-Gruppe das regionale Konglomerat "Pan American Sports Network", zu dem neben einem Sportkanal eine Website, zwei Fußballteams und einige Stadien gehören.

"Das Kabel-Netz ist flächendeckend und sehr modern"

In den nächsten fünf Jahren sind weitere Investitionen in Höhe von 1,7 Mrd. $ in Argentinien geplant. Mittlerweile ist Hicks auch in anderen lateinamerikanischen Län-dern wie Chile, Uruguay, Venezuela und Mexiko aktiv, doch der Einstieg und die größten Gesamtinvestitionen erfolgten in Argentinien.

"Argentinien hat innerhalb von Lateinamerika die höchst Penetration von Kabelfernsehen, in Ballungsgebieten sind bis zu 90% der Haushalte verkabelt, das macht den Sektor für Investoren sehr reizvoll", sagt Anwalt Marcelo Ramos von der Kanzlei "Allende & Brea" in Buenos Aires. "Das Kabel-Netz ist flächendeckend über das ganze Land verteilt und sehr modern. Die Entwicklung der Sektoren Medien und Telekommunikation ist auch in den letzten Jahren der Rezession ungebrochen fortgeschritten."

Seit Anfang der 90er Jahre der damalige Präsident Menem die Wirtschaft liberalisierte und einen großen Ausverkauf des staatseigenen Tafelsilbers unternahm, begann im Mediensektor wie in fast allen Wirtschaftszweigen des Landes ein schneller Konzentrationsprozess, in Laufe dessen auch eine zunehmende Vermengung der drei Medienbereiche TV, Kabel und Print stattfand. "Im Grunde fand in Argentinien der gleich Prozess statt wie in allen Ländern weltweit, mit dem einzigen Unterschied, dass es innerhalb der letzten 10 Jahre keine wettbewerbsrechtliche Kontrolle gab", erklärt Dr. Diego Petrecolla, bis vor kurzem Direktor der argentinischen "Kommission für Wettbewerbsschutz".

Drei große Spieler beherrschen die Medien des Tangolandes. Das sind neben HMT&F die spanische "Telefonica" sowie die argentinische Clarin-Gruppe, zu 18% im Besitz der US-Investment-Bank Goldman Sachs. Im Dezember des vergangenen Jahres schloss die spanische "Telefonica" einen 893 Mill. $ Aktien-Swap mit CEI Citicorps Hol-dings (kontrolliert von HMT&F) ab. Die Spanier stiegen aus Argentiniens größtem Kabelbetreiber "Cablevision" aus und besitzt nunmehr 81% von CEI, 97% des argentinischen Telefonica Telefonica-Argentina, -Ablegers den offenen TV Atlantida Co-municaciones-Kanal (ATCO), 50% des Fernsehkanals Canal Azul und nur noch 20% in dem Sport- und Un-terhaltungs-Content-Provider Torneos y Competencias (TyC). CEI erhielt dagegen 3% von Telefonicas Stammaktien sowie die Kontrolle über "Cablevision" und TyC.

Über 60% des lukrativen Markts für Kabelfernsehen mit knapp 6 Mill. Abonnenten - 18% der Ge-samtbevölkerung - besetzen je zur Hälfte der HMT&F-Ableger "Cablevision" sowie die Clarin-Tochter Multikanal. "Diese beiden Unternehmen sind sowohl Betreiber als auch Content-Anbieter. Das macht den Markteinstieg für kleinere Unternehmen fast unmöglich, da diese die Signale von den beiden Unternehmen kaufen müssen", so Petrecolla. In der Hauptstadt Buenos Aires haben einige Unternehmen versucht, in den Markt zu kommen, aber jetzt ist die Situation wieder wie vorher, das jedes Unternehmen eine Hälfte der Stadt bedient, ohne miteinander zu konkurrieren." Das schlägt sich entsprechend in hohen Abonnement-Preisen nieder.

Clarin okkupiert 50 % des Print-Marktes

Besonders deutlich ist die Übermacht der beiden Kabelanbieter im Sportbereich: Die Übertragungsrechte für den nationalen Fußball, die große Leidenschaft der Argentinier, hält die Firma "Trisa", die jeweils zu 50% Cablevision und Multicanal gehört.

Im Bereich Print liegt wiederum die Clarín-Gruppe vorne: Das Flagschiff der Gruppe, die Tageszeitung Clarin, okkupiert etwa 50% des Marktes. Beim Fernsehen hat nach dem Aktienswap im letzten Jahr die spanische Telefonica eine Führungsstellung erreicht: Von den drei nationalen Fernsehkanälen Canal 13, Canal Azul und Telefé sind zwei im Besitz der Spanier. Canal 13 wird von Clarín kontrolliert.

Der nächste Schritt, ebenfalls dem weltweiten Trend folgend, wird die zunehmende Vermengung von Telekommunikation und Medien sein. Alle drei marktbeherrschenden Gruppen in Argentinien beginnen diesem Trend Rechnung zu tragen und sich in Internet-Provider oder Portale einzukaufen. "Es ist zu hoffen, dass sich die Konzentration und damit die große Meinungsmacht einiger weniger großer Gruppen nicht noch weiter verstärkt", meint Petrecolla. "Rückgängig machen kann man den Prozess der letzten zehn Jahre nicht mehr, allenfalls können neue Technologien wie das Satellitenfernsehen neue An-bieter ermöglichen."

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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