Analyse der Demoskopen
Schröder und Fischer „Väter des Erfolgs“

Beim knappsten Wahlausgang im Bund seit der Wiedervereinigung haben die beiden Spitzenkandidaten Gerhard Schröder (SPD) und Joschka Fischer (Grüne) ihren Parteien den Machterhalt gesichert.

HB/dpa BERLIN/MANNHEIM. Das ist die übereinstimmende Analyse der beiden Demoskopie-Institute Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen vom Montag für die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Der Union und ihrem Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU) gelang es demnach nicht, entscheidend Nutzen aus der schlechten Lage der Wirtschaft und am Arbeitsmarkt zu ziehen.

Schröder und Fischer sind nach Ansicht von Infratest dimap die "Väter" des Erfolgs. Ihre große Beliebtheit habe die Enttäuschung vieler über die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik überdecken können. Laut Forschungsgruppe konnte Schröder mit seinem Sympathiebonus den Rückstand seiner Partei auf die Union wettmachen. Der Amtsinhaber habe seinen Vorsprung in der Kanzlerfrage gegenüber Stoiber auf 58 Prozent zu 34 Prozent ausbauen und damit seine Partei vor noch größeren Verlusten bewahren können. Fischer ist nach Umfragen von Infratest mit 83 Prozent Zustimmung der beliebteste deutsche Politiker. Der bayerische Ministerpräsident sei dagegen im Norden und Osten der Republik auf große Vorbehalte gestoßen. Dort habe sich gezeigt, "dass ein Unions-Spitzenkandidat aus Bayern nicht vermittelbar ist".

Der erhebliche Stimmengewinn der Union ist nach Ansicht der Mannheimer Forschungsgruppe vor allem auf die höher eingeschätzte Wirtschafts- und Arbeitsmarktkompetenz zurückzuführen. CDU/CSU werde beim Abbau der Arbeitslosigkeit (38 Prozent) mehr zugetraut als der SPD (29 Prozent). Für den großen Wurf hat dies trotz der schlechten Wirtschaftslage aber nicht gereicht, darin sind sich beide Institute einig. Als Grund dafür gibt die Forschungsgruppe die Hochwasserkatastrophe an. Danach sei das wirtschaftspolitische Konzept von CDU/CSU mit den geplanten Steuererleichterungen nicht mehr glaubwürdig gewesen.

Die Bilanz des Berliner Instituts Infratest dimap zeigt, dass die SPD per saldo mehr als 1 Million Wählerstimmen an die Union verlor - und das fast ausschließlich im Westen. Die Union gewann nach Berechnungen der Forschungsgruppe im Westen 3,8 Punkte, im Osten einen Punkt. Dagegen verlor die SPD im Westen 4 Punkte, konnte aber im Osten 4,6 Punkte hinzugewinnen. Bei den Männern musste die SPD mit 5 Punkten herbe Verluste hinnehmen, die Union legte um 6 Punkte zu. Zudem jagte die Union mit Erfolg im klassischen Revier der SPD: bei den Arbeitern. CDU/CSU gewann danach 8 Punkte, während die SPD 5 Punkte einbüßte. Aber auch die Grünen schwächten die SPD: etwa eine halbe Million Regierungsanhänger im Westen gaben ihre Zweitstimme dem kleinen Koalitionspartner.

Die Grünen sind nach Einschätzung beider Institute Gewinner der Wahl. Als Hauptgarant dafür sehen die Meinungsforscher Außenminister Joschka Fischer, auf den die Zweitstimmenkampagne der Partei ausgerichtet war. Laut Forschungsgruppe haben sich in der Woche vor der Wahl taktische Wähler, die Rot-Gelb verhindern wollten, verstärkt den Grünen zugewandt. 30 Prozent der Grünen-Wähler - mehr als je zuvor - hätten sich mit der SPD identifiziert. Nach Einschätzung von Infratest haben sich die Grünen inzwischen bei der Hälfte der Wähler den Ruf eines verlässlichen Regierungspartners erworben.

Die Demoskopen zählen die Freien Demokraten zu den Verlierern dieser Wahl. Nach Ansicht von Infratest konnte die FDP ihren Anspruch, liberale Volkspartei zu sein, bei weitem nicht einlösen. Dies dürfte nicht zuletzt auch an Parteivize Jürgen Möllemann und seinen kurz vor der Wahl erneuerten Vorwürfen gegen Israel und den Zentralrat der Juden in Deutschland liegen. Die Mannheimer Forscher sehen den Hauptgrund für das schlechte Abschneiden in der fehl geschlagenen Strategie, sich auf keine Koalition festzulegen. Fast zwei Drittel aller Wähler wollten von den Liberalen eine entsprechende Aussage.

Die SED-Nachfolgepartei PDS ist nach Ansicht von Infratest an der 5-Prozent-Hürde gescheitert, weil die Ostdeutschen ihrer Stimme 12 Jahre nach der Vereinigung kaum noch bedürfen. Die Flutkatastrophe habe die Deutschen einander näher gebracht und damit die PDS geschwächt. Beide Institute sehen im Rückzug von Gregor Gysi einen Hauptgrund für die Schwäche der PDS.

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