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Analyse: Energiehändler müssen Lehrgeld bezahlen

Gute Chancen auf dem Energiemarkt haben nur noch Unternehmen, die zugleich Energie produzieren, mit ihr handeln und sie bis an den Endkunden vertreiben.

Die Preisturbulenzen in der Energiewirtschaft nehmen zu. Die Liberalisierung der Strom- und Gasmärkte hat Monopole aufgebrochen. Nun treten immer häufiger im Wettbewerb gebildete Energiepreise an die Stelle kostenorientierter, vom Staat genehmigter und kontrollierter Energietarife. Im Großhandel mit Strom und Gas herrscht schon grenzüberschreitende Konkurrenz. Dagegen können die Privatverbraucher erst allmählich ihre Lieferanten frei auswählen. Die Spielräume beim Kampf um Privatkunden werden zwar europaweit immer größer, doch hier gibt es noch erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern der EU. Deutschland kommt auf diesem Gebiet zusammen mit Großbritannien und Skandinavien eine Vorreiterrolle zu.

Die Energieversorger müssen sich nun im Wettbewerb bewähren. Der Kampf um Kostenführerschaft ist unerbittlich. Die beträchtlichen Überkapazitäten im europäischen Kraftwerkspark haben dazu geführt, dass Kapazitäten stillgelegt und modernisiert worden sind. Die Anlagen sind in den letzten Jahren wesentlich produktiver geworden. Gleichzeitig haben die Energieversorger ihr Beschaffungsportfolio optimiert.

Der Energiehandel hat dadurch stark an Bedeutung gewonnen. Strom- und bald auch Gasbörsen nehmen Preisbarometerfunktionen wahr. Vorbild ist die Ölbranche: Hier wurden Anfang der 80er-Jahre Spot- und Kontraktgeschäfte an den Börsen zu marktorientierten Signalen. Bei den leitungsgebundenen Energien müssen die Marktteilnehmer aber noch Erfahrungen sammeln - es können auch bittere sein.

Bevor innovative Finanzderivate im Handel mit Strom und Gas ausbalanciert genutzt werden können, sind Marktbereinigungen programmiert. Das Engagement im Handel lockt auch zu riskanten Manövern, die aber nicht nur Gewinne, sondern auch hohe Verluste bedeuten können. Im Ölgeschäft sind Klöckner & Co. sowie die Metallgesellschaft aus Deutschland prominente Beispiele für gewagte Fehlkalkulationen, die sich am Ende zu Existenzbedrohungen für die Unternehmen entwickelten.

Nun steht Enron aus dem texanischen Houston vor dem Abgrund. Der Konzern hat sich durch innovative Instrumente Wettbewerbsvorsprünge erkämpft: Ein Handelsportal im Internet, Spot- und Termingeschäfte sowie ein flexibler Energiebezug mit einer relativ niedrigen Kapitalbindung in der Produktion waren seine Trümpfe.

Beim Kampf um Kostenführerschaft war Enron der Konkurrenz im Handelsgeschäft zunächst in den USA, dann in Europa und auch in Asien weit voraus. Die Wettbewerber holten jedoch auf. Hinzu kam, dass die Kunden mit den Enron-Konditionen zu ihren Altlieferanten gingen und dort Zugeständnisse erlangten. Die Texaner brachten gerade nach Deutschland Wettbewerbsschwung; die erfolgreichen Lieferabschlüsse hielten sich jedoch in Grenzen. Im Erdgasgeschäft stiegen zudem die Preisturbulenzen in den USA seit 1999 dramatisch.

Die Ausbalancierung von Energiepreisschwankungen gelang Enron zuletzt nur noch mit großen Verlusten. Statt die erste Position als innovatives Handelsunternehmen - lange unbestritten in den Medien und bei den Experten - zu behaupten, blieben die Texaner zuletzt allein in der kreativen Buchführung mit Manipulationen führend. Viele Tausend Mitarbeiter an der engen Leine zu führen, um hochriskante Spekulationen zu begrenzen - das ist eine Herkules-Aufgabe.

Die Erfahrung liberalisierter Energiemärkte zeigt, dass Unternehmen, die von der Produktion über den Handel bis zum Vertrieb an Endkunden aktiv sind, die Risiken besser ausbalancieren können. Weltweit vertikal integrierte Energiegesellschaften sind durch ihre Größenvorteile zusammen mit ihrer tief gestaffelten Positionierung auf allen Verwertungsstufen wesentlich wettbewerbsfähiger und damit auch stabiler.

Deutschlands Ölkonzerne - die Eon-Tochter Aral/Veba Oel und RWE Dea - - scheiden als selbstständige Akteure im Downstream-Geschäft (Raffinerien, Tankstellen, Heizölvertrieb) nicht zuletzt deshalb aus, weil ihnen der Einstieg in das Upstream-Geschäft (Exploration und Produktion von Öl und Gas) nur allzu begrenzt gelungen ist. Dagegen sind Eon und RWE durch ihre vertikale Integration in der Stromversorgung wesentlich schlagkräftiger. Im Gasgeschäft wollen sie die noch bestehenden Defizite durch Zukäufe ausgleichen.

Enrons Fehlschlag mit der Fokussierung auf den Energiehandel wird die vertikale Integration, wie sie aus der internationalen Ölindustrie bekannt ist, auch für die übrigen Energiebereiche noch attraktiver machen. Der Erfolg der Ölmultis bleibt also nachahmenswert.

Zuletzt war Enron allein in der kreativen Buchführung führend.

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